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S. 262 ff.„Der Roſengarten“, in welchem die drei Wächter von drei frechen Rittern erſchlagen und dann von der Königin begraben werden, behandelt einen einfachen Stoff, lieblich, ſanft und ergreifend, in geſangreicher Sprache, im Volksliedertone. Die Freuden und Wonnen ſcheiden von der Erde in dem perſonificirenden und dabei balladenartigen Gedichte„Traum“, deſſen Darſtellung etwas Feſſelndes, Fremdartiges, Romantiſches hat.„Das Glück von Edenhall“ erzählt von dem Untergange, den frevelhafte Vermeſſen⸗ heit ſich ſelbſt bereitet, und mahnt in ergreifenden Worten an die Hinfälligkeit alles irdiſchen Stolzes und Glückes, an die Zerſtörung, die zuletzt auch unſerer Erde bevor— ſteht. Mächtig ergreifend iſt die Idee dieſes Gedichtes, der Geſammteindruck unwider— ſtehlich; wir haben hier eine der ſchwungvollſten Balladen unſeres Sängers vor uns. Sieht man ſie freilich genauer im Einzelnen an, ſo findet man in der Sprache vieles Zuſammengeſchraubte, Stellen, die das Reimwörterbuch hervorgerufen zu haben ſcheint, und dies war bei dem überaus künſtlichen Versmaße kaum anders möglich. Aber der Genius verwandelt hier den Zufall oder die Willkür in Nothwendigkeit, und die muſika— liſche Kraft der Geſammtbegeiſterung feiert einen glänzenden Triumph über die Ungunſt der Form. Wir ſchließen dieſe Auswahl mit den balladenartigen„Sterbeklängen“, drei herzlichen, mildfrommen Gedichten, in denen die Seele des Kranken auf den Flügeln der Muſik in das Land der ewigen Freiheit hinübergetragen wird.
Zu der mit der Ballade verwandten Gattung des Heldenliedes rechnen wir nament— lich den„Taileffer“. Hier begrüßt uns das friſche, fröhliche Bild eines Sänger⸗Helden, den der Dichter im Jugendmuthe aufbrauſen läßt. Ohne von einer tieferen Idee durch— drungen zu ſein, iſt dieſes Gedicht im Schwunge der Begeiſterung, im volksthümlichen Tone, aber nicht ohne Zwang des Verſes und der Sprache ausgeführt. Im Einzelnen reißen uns heldenkühne, echtepiſche Striche und der Hall einer wahren Kriegsmuſik hin.
Eine in dialogiſcher Form gehaltene, aber dem Geiſte nach balladenartige Sage, „Normänniſcher Brauch“, erzählt, wie zwei befreundete nordiſche Grafen ihre Kinder, ein Mädchen, das noch in der Wiege lag, und einen noch im erſten Knabenalter lebenden Sohn mit einander verlobten, wie das Mädchen von der See fortgeriſſen wurde, wie der zum kräftigen Jünglinge erſtarkte Bräutigam auf allen Meeren herumfuhr, um die Braut zu ſuchen, und wie er ſie bei einem Fiſcher auf einer Inſel an der Küſte der Normandie wiederfand. Die Geſchichte iſt ohne bedeutende Erfindung, aber edel, ge⸗ wandt und feſſelnd erzählt; die Wahl der dialogiſchen Form iſt eine glückliche. Im Altersverhältniſſe zwiſchen dem Knaben und dem Mädchen iſt die Darſtellung unklar.
Das Gedicht„Merlin der Wilde, an Karl Mayer“ iſt der Ballade und dem Mär— chen verwandt, und hat zugleich eine allegoriſche Richtung. Merlin der Wilde findet ſich im Weltgewühl gealtert; aber in der Wildniß der Waldeinſamkeit erwacht ihm neue Kraft, er ſieht Vergangenes und Künftiges und erlauſcht den Geiſt der Welt. Der König läßt ihn Morgens holen, erzählt ihm, in der Nacht habe er bei den Linden ein Plaudern und Flüſtern wie von Liebenden gehört, und fragt ihn, wer dort geweſen ſei. Merlin nimmt der Tochter des Königs aus den Locken ein zartes Lindenblatt und ſpricht:„Wo Linden— blätter fallen, da iſt die Linde nah. Wenn ich Dir aus einem Laube ſo bald Dein Räthſel gelöſt habe, ſo glaube mir, daß der Wald viel größere löſt.“ Im Eingange zu dieſer Erzählung ſcheint der Dichter anzudeuten, daß er ſelbſt Merlin iſt, der durch ſeine contemplative, gelehrte Einſamkeit zu einer tieferen Einſicht in den Geiſt der Welt geführt wird. Am Schluſſe ſcheint er dem Freunde die Hoffnung auszudrücken, daß die„Lieder voll friſcher Waldesluſt“, die ihm derſelbe zugeſendet hatte, einen Merliniſchen Ernſt in ſich bergen. Das Gedicht bleibt in ſeinen Beziehungen dunkel, iſt aber intereſſant. Eine Waldesgrüne liegt darüber; der alterthümliche Ton iſt anziehend; doch werden Sprache und Anſchauung mitunter von Reim und Vers eingezwängt; die Form iſt nicht heraus⸗ gebildet genug. Das„Märchen“ hat einen allegoriſchen Sinn; da aber, was hier be⸗


