Aufsatz 
Uhland als lyrischer und epischer Dichter / von Georg Zimmermann
Entstehung
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den Geſammtteindrucke ſind die Verſe im Einzelnen gedrechſelt, mitunter durch den Reim bedingt und weitſchweifig.Der Abſchied, ein Geſang von zwei Liebenden, die ihre Neigung einander nie geſtanden haben und, da der Geliebte wegzieht, ſich ſtumm nach weinen, iſt ein echt deutſches, herzliches Volks⸗ und Burſchenlied, rührend, aber von ſchwacher Sentimentalität frei, von einem Dunkel des Lebens und des Gemüthes über⸗ breitet.Der Schäfer beklagt zwei Liebende, die erſt durch den Unterſchied der Stände, dann durch den Tod von einander getrennt werden. Die Romantiik liegt hier ſchon im Verhältniſſe des Schäfers zur Königstochter; aber das Seltſame der Geſchichte wird durch das echtmenſchliche Grundgefühl überwunden. Die klare, ſchlichte Erzählung wird zu mildem Geſange, zur lieblich knospenden Sprache des Herzens. DieEntſagung athmet eine ſüße Zartheit des Schmerzes, der im Gedanken an ein verlorenes Glück der Liebe wohnt. Aus dem ſchlichten, phraſenloſen, ſanftelegiſchen Liebestone treten Ge⸗ ſchichte und Handlung nur dämmernd hervor. Dertreue Walther ſingt von dem Herzen, das durch die Treuloſigkeit der Geliebten gebrochen iſt und durch ihre Reue nicht wieder zur alten Liebe erweckt werden kann. Die Darſtellung iſt klar und ſcharf und doch ahnungsvoll und von reizender Dunkelheit. Der rührende Ton, der die ſchottiſche Balladenweiſe vortrefflich nachſingt, iſt ſo ſüß, daß man die im Stoffe liegende Ueber⸗ ſpanntheit, ja einen Zug von grauſamer Sentimentalität, der in der Erzählung liegt, darüber vergißt. Soweit wir an Bürgers dichteriſchen Styl erinnert werden, finden wir ihn unendlich verfeinert. Von der treuen Liebe, die den Beſitz ihres Gegenſtandes durch übermenſchliche Anſtrengung erwerben will, aber durch die Liebloſigkeit der harten Welt um den Preis ihres Ringens betrogen wird und daran untergeht, von dem getäuſchten Märtyrerthum der Liebe ſingtDie Mähderin, eine Ballade voll tiefſter Poeſie des Mitleidens. Der Ton dieſes Gedichtes iſt volksthümlich, ohne der Ton des Volksliedes zu ſein, und hat etwas Hohes, Hymnenartiges, wie es einer Todtenfeier der göttlichen Liebe zukommt. Rhythmus und Sprache ſind unnachahmlich ſchön; Naturbilder und Herzensmalerei von der höchſten Vollendung. DieJungfrau Sieglinde nimmt den Schleier, nachdem die Liebe zu ihr einem Jünglinge das Leben gekoſtet hat; ein Ge⸗ dicht von zarter Empfindung, im Style des Volksliedes gehalten, bei glücklicher Wahl des Versmaßes in der Form nicht überall ungezwungen. In der Ballade von der Nonne die ihren treuen Buhlen nach ſeinem Tod lieben darf, da er nun ein Engel geworden iſt, und in dieſem Bewußtſein vor dem Marienbilde niederſinkt und ſtirbt, tritt das erzählende Moment deutlich hervor, iſt aber ganz in Geſang aufgelöſt. Von der Liebe, die in romantiſcher Phantaſtik noch um den Ring und Roſenkranz der hinge⸗ ſchiedenen Geliebten kämpft, erzähltDas traurige Turnei. Hier verliert der Stoff ſeine Ueberſpanntheit durch die echtmenſchliche, tief ergreifende Behandlung. Der äußerſt zarte Volksliederton, der an ſchottiſche und engliſche Weiſen anklingt, der lyriſche Fortgang der Erzählung, die ſpannende und ergreifende Kürze der Darſtel lung, die Plaſtik des Herzens ſetzen dieſer Ballade die Krone auf. Treue Liebe über das Grab hinaus athmet das Lied vonDer Wirthin Töchterlein, worin das zar⸗ teſte Herz den Burſchenton anſtimmt und ein ſchlichter Stoff zur höchſten Poeſie ge⸗ ſtaltet wird. Ein düſteres, aber zur ſüßen Wehmuth ſtimmendes Lied von der Er barmungsloſigkeit des Todes, der den greiſen König ſeiner blühenden Kinder beraubt, iſt Der ſchwarze Ritter. Der Stoff dieſes Gedichtes iſt tiefſinnig, echt romantiſch, er enthält eine Poeſie des Todes; über die Behandlung iſt im Ganzen ein feſſelndes Colorit hingehaucht, und einzelne Stellen ſind ergreifend und ſchön. Dennoch iſt die Ausführung hinter dem Gegenſtande und der Idee zurückgeblieben; das Versmaß iſt ſteif und hem⸗ mend, die Sprache weitſchweifig und öfter gedrechſelt. Gedichte, die in allgemeiner Weiſe und dabei nur mit einem Anfluge ſanfter Wehmuth die Vergänglichkeit irdiſchen Glückes und die Opfer des Todes beklagen, ſind derTraum undDer Roſengarten 4*