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wandten Dichtarten angehören, ſo laſſen ſie ſich mit Uhlands Balladen nur in der ſitt— lichen Grazie und zum Theil in dem idealen Farbenzauber zuſammenſtellen, der freilich bei Uhland durch ſeine volksthümliche Anſpruchsloſigkeit gemildert wird.
Die ſchönſten Balladen Uhlands beſingen die Heldengröße, die Freiheit, die Hin— fälligkeit des menſchlichen Lebens, die himmliſche Kraft der Dichtkunſt und der Muſik, namentlich aber die Schickſale des liebenden Herzens. Unter den Balladen, die von den Genien des Heldenthumes und der Freiheit eingegeben ſind, heben wir zwei beſonders hervor, den„Königsſohn“ und„Des Sängers Fluch“.„Der Königsſohn“ verherrlicht in einer ſchwungvollen Sprache, in einem wahren Gluthſtrome der Begeiſterung und mit allen Zaubern einer farbenreichen Märchenphantaſie die angeborene königliche Natur, die ſich, im Kampfe mit der Gefahr wiedergeboren, durch Heldenkühnheit die Huldigungen eines Volkes, den Beſitz des ſchönſten Weibes und einer Krone erwirbt. In„Des Sängers Fluch“ wird ein Tyrann für die grauſame Wuth, die er an einem gottgeweihten Sänger ausübt, durch den Untergang ſeines Namens beſtraft. Eine ſchöne Begeiſterung für Menſchenrecht und Menſchenfreiheit brauſt und ſtürmt durch dieſes Gedicht. Die kernhafte, innerliche Sprache geht im Einzelnen aus den Grenzen des Volksthümlichen heraus und nimmt hier und dort einen declamatoriſchen Ton an. Der Gegenſatz zwi⸗. ſchen dem rauhen Heldenthume und der milden, ſegenbringenden Weiblichkeit, zwiſchen dem ſtürmiſchen Weltleben und dem ſtillen inneren Frieden, und zugleich die Idee von der beſänftigenden Wirkung der Muſik zieht ſich durch„Das Singenthal“. Hier wird ein greiſer Held durch den Geſang eines Mädchens zur Seelenruhe geſtimmt; er entſagt dem wilden Waidwerke, und über das Thal, das er dem Mädchen zum Geſchenke macht, verbreitet ſich jetzt, da die Stürme der Jagd ausgetobt haben, Friede und Segen. Dieſes Gedicht iſt wie ein heiliges Aſyl des dichteriſchen Herzens; ſeine Sprache wird von einem ſanften muſikaliſchen Schwunge getragen. Von hier bildet ſich ein natürlicher Uebergang zu den erotiſchen Balladen des Dichters. Der Zauber, den die Liebe auch über ein verwildertes Herz ausübt, wird in dem Gedichte„Der Räuber“ geſchildert, von dem wir es dahin geſtellt ſein laſſen, ob es zu den Balladen oder zu den Romanzen gehöre. Die Stimmung und der allgemeine Farbenton iſt echt dichteriſch; aber die Form iſt nicht organiſch und herausgebildet genug. Den Lebenslauf einer glücklichen, geſegneten Liebe ſchildert uns„Der Kranz“. Obgleich das Versmaß dieſes Gedichtes für ſeine Stimmung und ſeinen Gegenſtand weicher ſein könnte, ſo vernehmen wir darin doch einen ſüßen, zarten Volkston, der die klare Erzählung zum Liede beflügelt. Wir empfin⸗ den hier beſonders den Zuſammenhang zwiſchen dem liebenden reinen Gemüthe und der Natur. Von der herzlichen, treuen, über den Unterſchied der Stände erhabenen Liebe eines königlichen Jünglings, der ſeine Geliebte erſt dann beſitzen will, wenn er ſich als Held bewährt hat, und als Sieger aus einem edlen Kampfe hervorgegangen, mit ihr zu⸗ gleich noch ein zweites Reich erwirbt, erzählt die Ballade„Der junge König und die Schäferin“. Es iſt eine ſinnige, ſeelenvolle Erzählung im Tone des Volksliedes, ein Feld von lieblichen Blumen der Natur und des Herzens, die ſich hier zu einem ſchönen Bunde vereinigen. Einzelne Strophen ſollten, da ſie gemacht und eckig ſind und den Fortgang des Gedichtes aufhalten, daraus geſtrichen ſein. Die ſtille Liebe der zarteſten und innigſten Mädchenſeele, die nach kurzem Harren durch den Beſitz des Geliebten be⸗ lohnt wird, ſingt„Des Goldſchmieds Töchterlein“, eine Ballade, die des größten Dichters würdig wäre. Sie iſt im edelſten Volkstone gehalten, die Erzählung ganz in Geſang aufgelöſt und von dramatiſcher Lebendigkeit, das Versmaß vortrefflich gewählt und ge— baut, die zarte Seelenmalerei entzückend. Ein Herz, dem die Sonne der Liebe erſt im Greiſenalter aufgeht, und das bei ihrem Anblicke ſtirbt, iſt der Gedanke des„Roſen— gartens“ S. 293 ff. Der phantaſtiſche Stoff dieſes Gedichtes wird durch die Behand⸗ lung glücklich in das allgemein Menſchliche gehoben. Bei einem poetiſchen und ergreifen⸗


