Aufsatz 
Uhland als lyrischer und epischer Dichter / von Georg Zimmermann
Entstehung
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und ins Unendliche fortzuſetzen. Ueber ihr ganzes Gemälde iſt ein reizendes Dunkel ge⸗ lagert, durch das nur von Zeit zu Zeit einzelne Blitze hinleuchten, um eine Ahnung von der unergründlichen Tiefe des menſchlichen Gemüthes und Schickſals zu erwecken. Die Klarheit, die das Ganze von Zeit zu Zeit überfliegt, iſt geiſterhaft, und jede Löſung des Räthſels gibt dem Zuhörer neue, tiefere Räthſel auf. Der ſchnelle Gang, der Flug der Darſtellung aber drängt mit Ungeſtüm nach dem Knoten der Kataſtrophe und nach deſſen meiſtens raſcher und gewaltiger Löſung hin. Das Heimathland der Ballade iſt das Wunder. Sie legt das Wunderbare bald in das Schickſal, das geheimnißvoll außer und über uns waltet, bald in die dunkele Kammer des Gemüthes, und ſie ſteht am höchſten, wo ſie ein verborgenes, nur fühlbares, nur in Tönen des Herzens ſich ankündigendes Band zwiſchen den inneren Wandlungen der Menſchenſeele und den Gängen der äußerlichen Begebenheiten knüpft. Vor den großen, meiſtens furchtbaren Enthüllungen dieſer Schick⸗ ſalswelt ſtreift das Leben jeden vergänglichen Prunk und jeden zufälligen Glanz ab. Der König ſieht hier den Purpur von ſeinen Schultern fallen, und der Bettler offenbart in Lumpen den angeborenen Adel. Die Ballade iſt in ihrem innerſten Weſen volks⸗ thümlich und allgemein menſchlich.

Obgleich ſich auch unter Uhlands Balladen manche finden, die nicht gerade von der Gunſt des Augenblickes eingegeben ſind, die entweder der glücklichen Idee entbehren, oder nicht zur reinen Lyrik der Sprache vordringen, oder gar mit dem Vers und dem Reime noch zu kämpfen haben, ſo begegnet uns doch in einer großen Anzahl derſelben eine völlige Einheit der Form und des Inhaltes, ſo daß der kritiſche Gedanke Beides kaum von einander zu trennen vermag. In ſolchen Balladen gelingt es dem Dichter, in ſeinen Stoffen den eigentlichen Lebenspunkt des Gefühles zu ergreifen und ſie von da aus bis in die letzten Faſern zu durchdringen und zu beſeelen. Es bleibt alsdann kaum ein Beſtandtheil der Beſchreibung oder Erzählung zurück, der nicht von dem Feuer des Gefühles durchglüht und umgeſchmolzen wäre. Die volle Ge⸗ walt der Phantaſie in der Darſtellung des Ungeheueren und Furchtbaren, die wir oben dem Balladendichter beigelegt haben, tritt bei Uhland ſeltener auf; ſeine friedliche Natur verweilt mit Vorliebe bei milderen Stoffen und ſucht, wo er die herberen ergreift, ſie durch die Darſtellung mit einem möglichſt ſanften Lichte zu umgeben. Er iſt ſtärker in der Enthüllung des inneren Wunders, als in der Darſtellung des äußeren, und namentlich ſind es die Wunder der Frauenſeele, die er mit einer reizenden Zartheit und Lieblichkeit in ſeinen gelungenſten Dichtungen aufſchließt. Seine Balladen ſind recht eigentlich ein Buch der Liebe, die er von der dämmernden Eos dieſes Gefühles in dem knospenden Frühling des Mädchenherzens durch alle Stufen begleitet, indem er das ver⸗ borgene, hoffnungsloſe Lieben, den Gram über die Untreue, das verdiente Glück der Treue, die Liebe bis zum Tode, ja über das Grab hinaus in den ſüßeſten und ergrei⸗ fendſten Tonarten beſingt. Hier zeigt ſich ſeine dichteriſche Stimmung hauptſächlich dem Rührenden zugewendet, und ſeine Muſe greift nicht mächtiger an das Herz, als wo ſie das Mitgefühl mit den Leiden des hoffnungsloſen, gekränkten und verwaiſten Gemüthes erweckt. So ſteht Uhland als Balladendichter würdig neben Goethe, dem er ſich freilich in der weitumfaſſenden Weltanſchauung, in der Tiefe dichteriſcher Geheimniſſe, in dem reinen Glanz der einfach ſchönen Darſtellung und in der Zauberkraft des Geſanges unterordnen muß, den er aber durch den innigen Zuſammenhang mit dem Gefühl, der Denkart, Sitte und Sprache des Volkes, durch den heimiſchen Ton der deutſchen Weiſe, durch die unvermiſchte nationale Grundeigenthümlichkeit übertrifft. In der tiefen und herzlichen Einheit mit dem Bewußtſein und Leben des Volkes läßt ſich Uhland nur mit Herder vergleichen, der aber nur in freien Nachbildungen ein Volksdichter ſein konnte und in ſeinen eigenen Dichtungen den Ton der gelehrten Literatur feſthielt. Da Schillers epiſch-lyriſche Gedichte beinahe durchaus der poetiſchen Erzählung und den damit ver⸗

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