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Gedichte dieſer Art, die übrigens ſchon ſeit Jahrhunderten, wenn auch unter anderen Benennungen, in unſerem eigenen Volke lebte, als Balladen zu bezeichnen. Es bildete ſich hierdurch für den Gebrauch des Wortes ein neues Sprachgefühl, bei dem wir uns den etymologiſchen Urſprung aus dem Sinne ſchlagen müſſen. Wenden wir heutzutage das Wort Ballade an, ſo denken wir dabei unwillkürlich an Bürgers Leonore und wilden Jäger, zugleich aber auch an Goethe's Erlkönig und Fiſcher, und wenn wir die Balladen beider Dichter mit einander vergleichen, ſo erkennen wir bald, daß Goethe den Charakter dieſer Gattung, der bei Bürger noch durch fremdartige Elemente getrübt iſt, in ſeiner Reinheit und Echtheit darſtellt, und ebenſo werden wir nicht darüber im Zweifel ſein, daß der Name Ballade, wenn er nach dem einmal eingeführten Gebrauche einer Reihe von engliſchen und ſchottiſchen Volksgeſängen beigelegt wird, ganz mit demſelben Rechte dem Erlkönig und dem Fiſcher gebühre, daß er aber mit gleicher Entſchiedenheit dem Kampf mit dem Drachen und den Kranichen des Ibykus abzuſtreiten ſei.
Wenn wir nun auf der eben bezeichneten thatſächlichen Grundlage den Begriff der Ballade mit möglichſter Schärfe abzugrenzen verſuchen, ſo dürfen wir dabei freilich nicht vergeſſen, daß in der neueren Poeſie ſolche Grenzen ſelten feſtgehalten werden, und daß auch bei Uhland mitunter dem reinen Golde der Ballade andere poetiſche Metalle beige⸗ miſcht ſind, daß er in manchen Gedichten den Ton dieſer Gattung anſchlägt, aber der Idee, dem Stoffe und der Darſtellung nach mehr oder weniger davon abweicht.
Der Balladendichter ergreift ein Ereigniß, in welchem ſich die verborgenen Schick— ſale eines Menſchen in der Weiſe enthüllen, daß in dieſem Einzelbilde das allgemeine Loos der Sterblichen auf eine bedeutſame, tiefſinnige und das Gemüth erſchütternde Weiſe zur Anſchauung kommt. Hiernach erſcheint dieſe Dichtgattung in einem Verhält⸗ niſſe naher Verwandtſchaft zu der Tragödie, und ein Lieblingsthema der Ballade iſt die ausgleichende und richtende Gewalt des Schickſals, die furchtbare Ueberraſchung, mit der es aus dem Dunkel hervorbricht, die ganze Endlichkeit und Hinfälligkeit des menſchlichen Daſeins, in dem ſich überall die Keime des Elendes und des Todes ver— bergen. Bei der ahnungsvollen Tiefe der ganzen Lebens- und Gemüthswelt, in welcher die Ballade ſich bewegt, eignet ſich dieſe Gattung am wenigſten dazu, daß der Stoff mit einer reflectirenden Abſicht gewählt und mit der Beharrlichkeit des dichteriſchen Willens behandelt werde. Vielmehr hat hier, wenn irgendwo, der Stoff und die in ihm liegende Idee den Dichter zu ergreifen, und die Stimmung, aus der die echte Ballade hervorgeht, iſt ein Erlebniß, zu dem die künſtleriſche Abſicht ſo wenig, als zur Eingebung des Liedes beiträgt. Zwiſchen der Idee, dem Bilde, der Stimmung und dem Versmaße darf hier von vornherein kaum eine Unterſcheidung ſtattfinden, ſo daß eins von dem anderen noch geſucht werden müßte, wie dies etwa in der ausgedehnteren poetiſchen Erzählung zuläſſig ſein mag, vielmehr müſſen alle jene Beziehungen des Gedichtes in Einem Momente entſpringen und wie aus Einem Keime hervorwachſen. Die echte Ballade iſt eine geniale Thatſache des Gemüthes; ihre eigentliche Lebensquelle iſt eine Melodie, mit deren Ent⸗ faltung ihre ganze ſinnliche Geſtalt zugleich erwächſt. Obgleich ſie das Element der Erzählung in ſich aufnimmt, ja ohne den Stoff einer Begebenheit gar nicht gedacht wer— den könnte, und obgleich ihr die Friſche und Schärfe der plaſtiſchen Darſtellung zur be⸗ ſonderen Zierde gereicht, ſo darf in ihr die epiſche Geſtaltung nirgends mit Selbſtſtän⸗ digkeit hervortreten, vielmehr hat ſich dieſelbe durchweg in die Stimmung des Gemüthes, in den Strom des Geſanges aufzulöſen. Die Ballade ſoll aus den Begebenheiten einen Auszug für das Herz und aus dem Herzen machen. Indem ſie hierbei überall nur das Weſentliche, das Sprechende und Großartige heraushebt, wird ihr die Form des Ueberganges und der Entwickelung zur Laſt; ihre eigenſte Geſtalt iſt eine tiefſinnige Kürze, wodurch ſie das Gemüth um ſo mächtiger und dauernder ergreift, um ſo gewal⸗ tiger anregt und begeiſtert, die von ihr nur angedeutete dichteriſche Welt auszuführen


