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Als eine Elegie im modernen Sinne, die ſich zum Liede hinneigt, möchte Uhland's Gedicht„Ein Abend“ zu bezeichnen ſein, über das ein Glanz der mildeſten Verklärung und ein himmliſch-reiner Hauch der Frömmigkeit ausgegoſſen iſt. Die leicht und lieblich quellende Sprache, die durch das italieniſche Versmaß der Ottave auch nicht den leiſeſten Zug der Fremdartigkeit angenommen hat, iſt ein durchſichtiger Schleier des Herzens, dem ſich das Leid um die heimgegangene Geliebte zur ſanften, heiligen Wehmuth mildert. In einem ähnlichen Tone iſt der zwiſchen der antiken und der modernen Elegie in der Mitte ſtehende Klagegeſang auf„Katharina“ gedichtet. Die edle, freimüthige Ge⸗ ſinnung des Dichters, der alle Erſcheinungen des Lebens auf die Wage des allgemein Menſchlichen legt und nach dem Maßſtabe ihres ewigen Werthes beurtheilt, wird hier zur Poeſie. Die Form dieſer Elegie iſt durchſichtig, die Sprache ergreifend, rührend und ſchwungvoll. Drei Geſänge des Dichters ſcheinen uns dem Charakter der antiken Elegie nahe verwandt zu ſein: Die Geſangesrede:„Am 18. October 1816“ weckt die erſchlafften Gemüther wie durch das Schmettern der Kriegstuba aus ihrer Gleichgültigkeit; der Dichter wird hier zum Tyrtäus der vaterländiſchen Begeiſterung und des edlen, glühen— den Zornes.„Tells Tod“, ein würdiger Nachgeſang des Schilleriſchen Drama, ergreift uns mehr durch den hohen Adel der Geſinnung, als durch den Flug der dichteriſchen Phantaſie. Der Vortrag bewegt ſich in einer Reihe von Antitheſen und greift ſchon dadurch in das redneriſche Gebiet über. Die Sprache hat etwas Rauh-Kräftiges wie in einem Heldengeſange. In dem Prolog zu dem Trauerſpiel:„Ernſt, Herzog von Schwaben“, das am 18. October 1819 zur Feier der Würtembergiſchen Verfaſſung auf dem Hof⸗ und Nationaltheater in Stuttgart aufgeführt wurde, ſteigert ſich die patriotiſche Freude des Dichters über die Hochherzigkeit des Königs, der eine volksthümliche Conſtitution gegeben hat, zum poetiſchen Schwunge. In der Nachbarſchaft der Elegie dürfen wir noch die„An K. M.“ gerichteten poetiſchen Gedanken, die in ſinnigen, wohlgebildeten Ottaven ausgedrückt ſind, das dritte Sonett„Auf Karl Gangloff's Tod“ und das Sonett „Die zwo Jungfrauen“ hervorheben.
So ehrenvoll die Stellung iſt, die Uhland unter den Lieder- und Elegieendichtern einnimmt, ſo hat er doch einen größeren Reichthum ſeiner Phantaſie in den poetiſchen Gattungen entfaltet, die das lyriſche und das epiſche Element mit einander verſchmelzen. Es iſt bei der außerordentlichen Vielgeſtaltigkeit dieſer Dichtarten in hohem Grade ſchwierig, ihre Begriffe mit Beſtimmtheit gegen einander abzugrenzen. Nach einem ſprach⸗ lichen und geſchichtlichen Gefühle rechnen wir von den hierher gehörenden Gedichten Uhlands die Mehrzahl, wenigſtens in Betreff ihres Tones und Vortrages, zur Ballade; in ihrer Nachbarſchaft finden wir einige, die wir als Heldengedichte, andere, die wir als Märchen bezeichnen. Dagegen ſtellt ſich eine Reihe von Geſängen, die größtentheils ſchon durch das Versmaß und durch die Verwandtſchaft mit der ſpaniſchen Dichterſprache ſich als Romanzen ankündigen, zu den Balladen in einen mehr oder weniger ſcharfen Gegenſatz. Endlich begegnen uns einige Dichtungen, in denen der epiſche Geiſt vor dem lyriſchen, die anſchauliche Darſtellung der Begebenheiten vor dem Ausdrucke der Empfin⸗ dungen ſo entſchieden vorherrſcht, daß wir ſie keiner anderen Claſſe, als der in unſerer Literatur hauptſächlich durch Schiller vertretenen poetiſchen Erzählung zuweiſen können.
In der italieniſchen Sprache iſt ballata bekanntlich der Name einer rein-lyriſchen Dichtgattung. In dieſem Sinne wanderte das Wort nach Frankreich und mit den Nor⸗ manniſchen Eroberern nach England, wo es unvermerkt ſeine Bedeutung änderte und dem neu wiederauflebenden Volksgeſange zur Bezeichnung diente. Indem nun die neueren deutſchen Dichter ſich beſonders diejenigen engliſchen und ſchottiſchen Balladen, in denen eine ſeltſame und außerordentliche Begebenheit mehr auf eine andeutende, als erzählende Weiſe, mehr im Schwunge des Liedes, als in der ruhigen Entwickelung der Thatſachen dargeſtellt wird, zu ihren Vorbildern wählten, ſo wurde es auch bei uns zur Gewohnheit,


