Aufsatz 
Uhland als lyrischer und epischer Dichter / von Georg Zimmermann
Entstehung
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ſanften Tage: Ein Spiegel des himmliſchen Friedens, des innigen, kindlichen Verkehres mit der Natur. Die muſikaliſche Abbildung des Frühlinges und des Herbſtes iſt un⸗ übertrefflich. Die Form hat eine kryſtallene Helle, die Sprache den ſanfteſten Schwung. Dieſes Gedicht leitet uns zu den eigentlich religiöſen Liedern Uhlands hinüber, die er nicht ſchöner und ſchwungvoller anſtimmt, als wo ihn die Andacht in Gottes Natur ergreift. Wir heben unter dieſen Gedichten beſonders drei hervor:Frühlingsfeier: ein ſüßer Opferrauch der Andacht.Schäfers Sonntagslied: Gottinnigkeit in der ſchlich⸗ teſten und dabei erhebendſten Form; in wenigen Verſen ein lyriſches Meiſterwerk.Die Kapelle: ein memento mori, in ſanftem Flötentone vorgetragen. Zum Schluſſe zeichnen wir noch zwei vaterländiſche Lieder aus:Der König auf dem Thurme: Ein greiſer König, der für Alle geſorgt und geſtrebt, Siege erfochten, Recht geſprochen und geübt hat, ſehnt ſich beim Anblicke des friedlichen Sternenhimmels, der ihm kaum vernehmliche Wunderklänge zuweht, nach der ſeligen Raſt, nach der herrlichen Nacht, wo er den lichteren Schein der Sterne erblicken und einen volleren Klang vernehmen wird. Ein feierlicher, ſanfter Geſang von milder Erhebung.Des Knaben Berglied: ein friſches, kräftiges, vaterländiſches Gedicht.

Ohne auf dem lyriſchen Gebiete eine ganz ſtrenge Claſſification feſthalten zu wollen, der ſich ja überhaupt die neuere Poeſie im Gegenſatze zur antiken meiſtens entzieht, dür fen wir eine Anzahl von Uhlands Gedichten zur Gattung der Elegie rechnen. Bekannt lich iſt es in der griechiſchen Literatur keineswegs ein vorherrſchender Gebrauch, unter der Elegie ein Klagelied zu verſtehen, wogegen ſich dieſer Begriff in der modernen Poeſie ganz unwillkürlich mit dem Worte verbindet. Das elegiſche Gedicht, das bei den Alten in der Form des Diſtichons ſeine äußerliche Abgrenzung findet, charakteriſirt ſich bei ihnen vorzüglich durch eine geſellige und politiſche Grundrichtung und durch Betrachtungen, in denen es ſich namentlich über allgemeine Lebensverhältniſſe, über die Zuſtände des Vaterlandes, auch über das Schickſal der Sterblichen überhaupt ergeht. Es concentrirt ſich nicht gleich dem Liede auf Eine Melodie der Seele, ſondern entfaltet eine Vielſeitig keit der Empfindungen, die freilich von einer Grundidee getragen werden, und nimmt in dieſes reichere Toöngebäude auch das mehr oder weniger ſelbſtſtändige Beiwerk der Be⸗ ſchreibung, der Erzählung und des Gedankens auf. Dieſe Dichtart unterſcheidet ſich von den erhabenen Geſängen, die wir jetzt als Oden zu bezeichnen pflegen, durch einen ge dämpfteren Ton der Empfindung, durch ein längeres Verweilen bei den Zuſtänden des gegenwärtigen Lebens, aus dem uns der griechiſche Hymnos beſtändig in das Gebiet der Göttergeſchichte entrückt, und durch die Neigung zu Reflexionen, in die ſich hier das Ge müth ruhig aufzulöſen ſucht. Die griechiſche Elegie wurde am hänfigſten nach feſtlichen Gelagen, im Kreiſe der Freunde und auf dem öffentlichen Markte angeſtimmt und war vorzugsweiſe eine Herzenserleichterung über vaterländiſche Angelegenheiten, zu deren Dienſten ſie wohl auch ausdrücklich beſtimmt wurde. Es fehlte ſich hierbei nicht, daß ihr betrachtender, theilnehmender Blick auch bei der beſtändigen Wandelbarkeit und Ver⸗ gänglichkeit aller Lebensverhältniſſe verweilte, und daß dadurch der Ton contemplativer Trauer ſich über das Gedicht verbreitete, wie denn von Anfang an der Elegie die Be ſtimmung als Nänie nicht fremd geweſen zu ſein ſcheint. In dieſen beiden Momenten, in der Hinneigung zu einer rührenden Trauer, die gern bei der Endlichkeit und Ver⸗ gänglichkeit der irdiſchen Dinge verweilt, und in der Betrachtung, die ſich leicht in der. Form des poetiſchen Gedankens mit dem Gefühle verwebt, liegt denn auch ein Gemein ſchaftliches, was die antike Elegie mit der modernen verbindet. In der letzteren ſchließt ſich die Trauer nicht zu einer Melodie der Seele ab, ſondern geht in ſchwärmende und wehmuthsvolle Betrachtungen über und durchzieht dieſe mit dem Hauche einer muſi kaliſchen Grundidee.