Aufsatz 
Uhland als lyrischer und epischer Dichter / von Georg Zimmermann
Entstehung
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Seele an die unwillkürlich in ihr erwachende Melodie verleiht dieſen Gedichten einen eigenen, nie verwelkenden Reiz, und dieſer wird durch den Ausdruck volksthümlicher, treuherziger Einfalt nicht wenig erhöht. Es liegt in Uhlands dichteriſcher Eigenthümlich⸗ keit begründet, daß ihm der Ausdruck ſanfter und rührender Empfindungen, namentlich in den Momenten einer andächtigen Stimmung am beſten gelingt. Wenn wir grade in ſeinen Liedern den weiten Umfang und die Vielſeitigkeit der lyriſchen Erlebniſſe, wenn wir vielleicht den kühnen Aufſchwung, die reiche Fülle der Farben und Töne, die in die Augen fallende Neuheit und Originalität der Gemüthszuſtände mehr als bei andern großen Dichtern vermiſſen, ſo macht die Echtheit und Wahrheit des Seelenlebens, das er uns in ſeinen Liedern enthüllt, die mäßige, aber nachhaltige Wärme, die von ihnen ausſtrömt, auf uns einen um ſo wohlthätigeren Eindruck. Selbſt manche unſcheinbare und farbloſe Blume, die in ſeinem Liedergarten wächſt, möchten wir nicht hinwegwünſchen, da ſie immer noch zur Ergänzung des anziehenden Bildes dient, zu dem ſich die harmlos aufblühenden Kinder der dichteriſchen Stimmung von ſelbſt zuſammenreihen.

Indem wir die trefklichſten dieſer Lieder hervorheben, zeichnen wir unter denen, die der allgemeinen Menſchenliebe, der Minne und der Freundſchaft gewidmet ſind, folgende aus:Das Schifflein: Ein liebliches, tiefgefühltes Gedicht von dem Zug der Liebe, der die fremdeſten Menſchen mit einander vereinigt, und von der ſeelenverbindenden Muſik. Sprache und Reim ſind hier im Einzelnen gemacht.Wunder, ein Lied von der Zauber kraft der Minne, die das Kind zur Jungfrau umgewandelt hat, ein tiefpoetiſches Er⸗ lebniß. Wir vernehmen hier das lieblich flötende und in lauten Tönen ſchmetternde Schlagen der lyriſchen Nachtigall, das einen Walther von der Vogelweide zum Kampfe herausfordern könnte.Entſchluß: Der Dichter wagt es nicht, der Geliebten ſeine Nei gung zu geſtehen. Zart, anmuthig und ſprachgewandt.Hans und Grete: Naiv, neckiſch, höchſt anmuthig.Lauf der Welt: Der Dichter und ſeine Geliebte wenden ſich gegenſeitig eine herzliche Neigung zu, ohne ſie auszuſprechen. Gemüthlich, neckiſch, in reizender Leichtigkeit der Sprache gedichtet. Die in das dramatiſche FragmentSchildeis S. 202. eingeflochtenen Liedchen ſind im echten Volkstone gehalten, durch innigen, ein⸗ fachen Gefühlsausdruck und durch den Zuſammenhang zwiſchen der Natur und der Menſchenſeele anziehend.Mein Geſang: Seitdem die Geliebte von ihm geſchieden iſt, findet er allen Troſt und alle Luſt im klagenden Geſang. Das Gedicht hat eine ſüß und leicht quellende, melodiſche Sprache.Brautgeſang: anſpruchslos, aber voll An⸗ muth, ganz Muſik.Der gute Kamerad: ein echtes Volks⸗ und Soldatenlied. Unter den Liedern, die der Geſelligkeit und dem edlen Lebensgenuſſe geweiht ſind, möge nur dasTrinklied S. 92 ff.:Wir ſind nicht mehr am erſten Glas ꝛc. genannt werden. Es iſt lebendig, ſchwungvoll, formgewandt, bewegt ſich aber faſt nur in äußerlicher lyriſcher Schilderung und entbehrt der eigentlichen Idee. Mit dem Kreiſe ſolcher Ge dichte verwandt ſindDie Nachtſchwärmer, eine Gloſſe, anmuthig und leicht vorge⸗ tragen, von einer liebenswürdigen Laune eingegeben, etwas im Goetheiſchen Tone gehalten.

Unter den Liedern, worin das gemüthliche Zuſammenleben des Sängers mit der Natur ſich ausdrückt, leuchten die folgenden beſonders hervor:Maienthau: Dieſes Ge⸗ dicht blüht in friſchen und reichen Farben und hat einen gewandten und muſikaliſchen Versbau; im Tone iſt etwas von der gemilderten Weiſe Bürgers.Einkehr: vom be⸗ wirthenden Apfelbaume. Gemüthlich, volksthümlich, in leichter, anmuthiger Sprache ge⸗ halten.Morgenlied: innig und zart.Frühlingsglaube: Der Frühling erweckt in der Seele die Zuverſicht, daß nun Alles ſich zum Guten wenden müſſe. In den ein⸗ fachſten Worten ein Lied von unwiderſtehlicher Schönheit. Der Dichter trägt hier eine reiche lyriſche Naturſchilderung nur mit den leiſeſten, beſcheidenſten Strichen auf; er be⸗ ſchreibt, wie er in der Lyrik beſchreiben ſoll, durch die Muſik des Gemüthes.Die