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erſcheint das Anſchauliche, das Plaſtiſche nur als eine Offenbarungsform der das ganze Gedicht durchziehenden und geſtaltenden Seelenmelodie. Mit ganz beſonderem Glücke ruft Uhland in den eigentlichen Balladen die dramatiſche Form zu Hülfe, um alle Be— gebenheiten aus dem Keime des Herzens zu entwickeln oder durch kühne Sprünge und räthſelhafte Andeutungen die verborgenen Tiefen der Seele und die heimlichen Gänge des Schickſals zu beleuchten. Ein großer Vorzug dieſer Gedichte, wodurch ſie namentlich dem muſikaliſchen Vortrage ſich anbequemen, iſt ihre ungeſuchte, aus der Concentration des Gemüthes entſpringende Kürze. Es iſt bei Uhland eine Seltenheit, daß er die Natur für ſich malt; meiſtens iſt ſie ihm ein Hintergrund des menſchlichen Gemüthes, und eine große Schönheit ſeiner Balladen liegt oft darin, daß hier die Stimmen der Natur, wie ein antwortendes Echo, das Herz des Menſchen mit ſeinen Wandlungen begleiten. Er bleibt nicht blos bei der Oberfläche des Naturlebens ſtehen, ſondern enthüllt wohl auch' die Geheimniſſe deſſelben, freilich nicht mit der reizenden Tiefe und der zauberiſchen Redegewalt, die uns ſo oft bei Goethe in die höchſte Begeiſterung verſetzt. Wenn ſich bei Uhland das Landſchaftsgemälde zum Liede verklärt, ſo verſenkt er ſich hier am lieb— ſten und am innigſten in die ſanften, abgeſchiedenen Regionen der Natur, die den ver— trauteſten Widerhall ſeiner kindlichen Seele bilden.
Indem wir nun die Leiſtungen des Dichters in den einzelnen Gattungen der lyri— ſchen Poeſie zu betrachten haben, verweilen wir zuerſt bei denjenigen, die wir als lyriſche Gedichte im engeren Sinne des Wortes bezeichnen können, insbeſondere bei ſeinen Liedern und Elegieen.— Im Liede will das Gemüth ſeine Empfindungen austönen; es will ſich öfter durch den muſikaliſchen Ausdruck derſelben von ihrem Uebergewichte, ſeien ſie freudiger oder ſchmerzlicher Art, befreien. Wo das Lied am ergreifendſten auf die Seele wirkt, ſich mit den ſtärkſten und bleibendſten Zügen in ſie eingräbt, da entſtammt es einer Empfindung, die durch ihre Gewalt die geiſtige Einheit aufzuheben droht, und es iſt deswegen die Aufgabe der Kunſt, durch Sprache und Geſang dieſe Empfindung dem Herzen gegenſtändlich zu machen, ſie über ihre bloße Natürlichkeit zu erheben und ge— wiſſermaßen zur durchſichtigen Geſtalt der in ihr liegenden Idee zu befreien. Aber auch ſelbſt da, wo die Empfindung ſchon an ſich von einer freien Idealität getragen wird und in dem Aether derſelben ſich bewegt, wie im religiöſen Liede, dient die künſtleriſche Form dazu, den Inhalt, der mehr oder weniger noch verworren im Gemüthe liegt, demſelben zur klaren Anſchauung zu bringen. Das Lied unterſcheidet ſich von anderen lyriſchen Gattungen dadurch, daß es nichts als Sprache der Empfindung iſt. Deswegen kann hier auch der Gedanke nur in der Geſtalt der Empfindung auftreten, und ebenſo wird hier der Beſchreibung und der Erzählung keine Stelle eingeräumt, wenn ſie nicht ihrer plaſti— ſchen Selbſtſtändigkeit ſich entäußern und in die Seele der Empfindung umgeſchmolzen werden. Eine Melodie des Herzens iſt der Keim des Liedes und zugleich deſſen ganze Entfaltung. Es unterſcheidet ſich in ſeiner dichteriſchen Geſtalt von der muſikaliſchen Compoſition dadurch, daß es einerſeits durch die Sprache das Gebiet des beſtimmten Gedankens und das Bereich der objectiven Lebensdarſtellung berührt, andererſeits in der Vorhalle des unergründlichen Seelenlebens ſtehen bleibt, das nur die Tonkunſt zu er— ſchließen berufen iſt.
Daß Uhland ſelten durch das Vordringen der Reflexion*) und durch die Schwere des plaſtiſchen Stoffes an der freien Entfaltung des Geſanges gehindert wurde, haben wir bereits oben angedeutet. So finden wir bei ihm denn eine Reihe von meiſterhaften Liedern. Sie erſcheinen von einer Stimmung eingegeben und getragen, die echt⸗menſchlich und edel, natürlich erwachſen und durch keinen Zwang hervorgerufen, die zugleich durch keine fremdartige Beimiſchung getrübt iſt. Die naive und unbefangene Hingabe ſeiner
*) Die Reflexion herrſcht nur in ſeinen landſtändiſchen Tendenzgedichten.


