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trübt werden kann. Wenn wir dieſe Seele in ihrer Einſamkeit belanſchen, ſo lächelt ſie uns wie ein ſtiller, friedlicher Wellenſpiegel entgegen. Die Sonne leuchtet mit ihren mild erwärmenden Strahlen hinein; die Gebüſche, die das Ufer begrenzen, ſind von einem leiſen Zuge des Windes bewegt; auf den benachbarten Bergeshöhen ragen die ſtolzen Trümmer einer großen Vergangenheit empor; in der Ferne verkündet uns der wetterleuchtende Himmel den erwachenden Aufruhr der Schöpfung; aber ſtill und friedlich bleibt der See, in dem jedes Abbild der Welt zur milden Ruhe ſich be— ſänftigt. Daher löſen ſich auch die gewaltigſten und furchtbarſten Eindrücke bei dieſem Dichter zu reinen Harmonieen auf, und nur in wenigen ſeiner Schöpfungen beleidigt uns ein Mißlaut.*)
Dieſer milde Friede ergießt ſich auch als eine ſeelenerhebende Muſik durch den ſprachlichen Ausdruck ſeiner Gedichte.“ Freilich hat er die reine Formgeſtaltung nicht allenthalben erreicht, und wir finden öfter bei ihm ein Mißverhältniß zwiſchen ſeinen poetiſchen Entwürfen, zwiſchen der allgemeinen Stimmung ſeiner Gedichte und ihrer ſprachlichen Ausführung. Oefters wählt er ſich ſchwierige Versmaße, die ihn nöthigen, dem Reime Gewalt anzuthun und ihn beſtimmend auf den Inhalt einwirken zu laſſen, und es treten dann geſchraubte Wendungen ein, durch welche der Einklang zwiſchen dem Inhalt und der Form geſtört wird. Nicht immer löſen ſich Uhlands Balladen in einen ganz freien Seelengeſang auf; vielmehr bleiben darin die Flügel des Gemüthes öfter von einem unüberwindlichen Drucke des Stoffes belaſtet. Dieſer Mangel iſt denn zum Theil auf die Schwierigkeit zurückzuführen, die mit dem Streben des Dichters, aus den Trübungen des romantiſchen Zeitgeſchmackes ſich zur Klarheit der modernen Poeſie und namentlich zu einer volksthümlichen Haltung derſelben herauszuarbeiten, verbunden war. Dennoch hat er eine große Anzahl von Gedichten geſchaffen, worin die Sprache wie ein leuchtender Kryſtall den dichteriſchen Inhalt rein und ungetrübt hervorſtrahlen läßt; und ſo bewundern wir namentlich im„Glück von Edenhall“ die geniale Kraft, womit des Dichters Begeiſterung ein künſtliches und verſchrobenes Versmaß zur durchſichtigſten Form der lebendigen Idee umſchmolz und die Willkür zur Nothwendigkeit befreite. Aber auch in vielen anderen ſeiner Dichtungen gelangt das Muſikaliſche der Sprache zu einer vollkommenen und unbegrenzten Herrſchaft, und dieſes Element feiert da ſeine glänzendſten Triumphe, wo es die Erzählung und Beſchreibung auf lyriſchem Boden zu bewältigen hat. Als ein echter Lyriker malt er hier nirgends, um zu malen; vielmehr
dann liebt in ſtillen Tiefen ſie zu walten; Geweihten einzig iſt vergönnt, zu ſchauen, wie ihre Hand den Frühling mag geſtalten, wie ſie erzieht zu Eintracht und Vertrauen die Kinder früh in dunkeln Aufenthalten. Nur wann ſie will zerſtören und erſchüttern, erbraust ſie in Orkanen und Gewittern. So übet auch die Liebe tief und leiſe im Reich der Geiſter ihre Wundermacht; ſie zieht unſichtbar ihre Zauberkreiſe am goldnen Abend, in der Sternennacht; ſie weckt durch feierlicher Lieder Weiſe verwandte Chöre in der Geiſter Schacht; ſie weiß durch ſtiller Augen Strahl die Seelen zu knüpfen und auf ewig zu vermählen. Dort in des Stromes wild empörte Wogen warf ſich ein Jüngling, voll von raſchen Gluten; doch jene Wallung, die ihn fortgezogen, ſie mußt' ihn wieder an das Ufer fluten. Ich aber ſah es, wie des Himmels Bogen, der Erde Glanz im ſtillen Teiche ruhten: da ſank ich hin, von ſanfter Wonne trunken, ich ſank und bin auf ewig nun verſunken.“
Zu dieſen wenigen Gedichten gehören die„Drei Fräulein“ S. 255 ff., ein wüſtes Raubritterbild, durch welches die Idee ſich hindurchzieht, daß Frauenherz und Liebe den Dämon der Herkunft und Erziehung überwindet. Obgleich dem nächtlichen Gemälde einzelne ſüße Blumen des Herzens einge⸗ flochten ſind, ſo iſt es doch von einer falſchen, düſteren, überſpannten Romantik eingegeben und be⸗ leidigt durch ſchrille Mißlaute. Auch im„Junker Rechberger“ S. 374 ff., einer Ballade, die übrigens gewandt und ſpannend erzählt, voll Anſchauung, klar und dabei von Romantik angeweht und im edeln Volkston gehalten iſt, behandelt der Dichter einen viel zu widerlichen Stoff, als daß er ihm eine poetiſche Seele einhauchen könnte. Ein gänzlich disharmoniſches Gedicht iſt aber„Das Noth⸗ hemd“ S. 408 f. Die Idee deſſelben iſt confüs, der Eindruck widerlich und die Darſtellung über⸗ dies von gewöhnlicher Art.
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