Aufsatz 
Uhland als lyrischer und epischer Dichter / von Georg Zimmermann
Entstehung
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ſahen, entgegen, aber vorzugsweiſe aus dem äſthetiſchen Geſichtspunkte, ſelten aus dem Drange des gläubigen Gemüthes und mit der Gründlichkeit wiſſenſchaftlicher Forſchung. In ihrer Oppoſition gegen die Verſtandesaufklärung finden wir oft mehr Eitelkeit und Paradoxie, als Liebe zur Wahrheit und Innigkeit der Ueberzeugung. Ihre Myſtik ent ſpringt nicht ſelten aus einem verweichlichten, der Thatkraft entfremdeten Leben. Um eine Art von idealem Ariſtokratismus geltend zu machen und denſelben gegen das ſo

in die gegenwärtige irdiſche Welt hineinſpielen läßt, führt ihn dieſe Richtung nur zu leicht über die Grenzen aller körperlichen Darſtellung hinaus und verbreitet über die Gebilde ſeiner Phantaſie einen krankhaften Hauch jener Schwindſucht, die ſeinem Leben ein frühzeitiges Ziel ſetzte. Dennoch enthal⸗ ten ſeine geiſtigen Schöpfungen einen echten und unzerſtörbaren Kern, und er gehört an Weihe des Gemüthes, an Schwung der Begeiſterung und an Reichthum dichteriſcher und philoſophiſcher Ideen zu den hervorragendſten Geiſtern unſerer Literatur, wie er außerdem vorzugsweiſe die Lichtſeiten der romantiſchen Schule darſtellt. Verſetzen wir uns in die Eigenthümlichkeit ſeines Geiſtes, ſo iſt es bei ihm weſentlich die Macht einer lebendigen Individualität, die ihn alles Wiſſen und Leben im Spiegel der genialen Gemüthsanſchauung erblicken läßt. Mit heißer Liebesgluth umfaßt er die ganze Welt und ſucht ihren einheitlichen Mittelpunkt in ſeinem Herzen. Alles Wiſſen wird ihm zu Einer Wiſſenſchaft; die Erkenntniß verwandelt ſich ihm in Poeſie; die Poeſie iſt bei ihm Erlebniß, perſönlicher Genius, ſchöne Seele. Ein Alexanderzug der Liebe führt ihn durch alle Räume und Zeiten. Mit kindlichen Blicken ſchaut er in die Wurzeln der Natur und erhebt ihre Gebilde zu Symbolen der ewigen Liebe. Auch die Weltgeſchichte feiert ihre Auferſtehung in ſeinem Herzen. Alle ſeine Gaben vereinigen ſich in der Genialität der Liebe, aus der ihm allein die Erkenntniß, die Wahrheit, die Schönheit entſpringt. Seine Liebe wurzelt in der Religion und der Minne. Die Religion iſt ihm Gewiſſen, Hervorbrin⸗ gung und Aneignung des GCöttlichen durch die That des ſittlichen Handels, Schauen des Göttlichen in der ganzen Weltordnung, die dem Dichter wie eine feierliche, fromme, beſeligende Muſik entgegen tönt. In dieſem Bereiche iſt ihm jeder Mißlaut aufgelöſt; der Tod hört auf, oder wird ein Ziel der namenloſen Sehnſucht. Die Geliebte iſt ihm das verſchleierte Bild von Sais, das ihm alle Welt⸗ geheimniſſe verräth. So verſchmelzen Religion und Eros bei ihm auf eine myſteriöſe Weiſe, und beide vertauſchen ihre ſprachlichen Wendungen und Metaphern oft bis zur kühnſten Leidenſchaftlich keit miteinander. Zu dieſer Alles umfaſſenden genialen Kraft eines liebevollen Dichtergemüthes geſellt ſich denn bei Novalis ein überſpanntes, voreiliges Streben nach wiſſenſchaftlicher Univer⸗ ſalität, wodurch ſeine Studien ſich zerſplittern mußten, eine Vermengung der verſchiedenen geiſti gen Elemente, bei der die Philoſophie nicht ſelten in Phantaſtik ausartete, und die Poeſie von der Reflexion geſtört wurde. Seine Art zu philoſophiren leidet an romantiſcher Paradoxie und läßt nur zu häufig die Leitung des ſtrengen wiſſenſchaftlichen Denkens vermiſſen; aber ſie iſt reich an tiefen, lichtſchlagenden Gedankeu. Es war ſeine Sache nicht, die Keime ſeiner Ideen zu entwickeln; er konnte dieſelben nur in unerſchöpflicher Fülle ausſtreuen, indem er Anderen den Aufgang und die Erndte überließ. Die Philoſophie war ihm Erweckerin und Leiterin des genialen Lebens; ſie war ihm die Kunſt, das Geheimniß der göttlichen Liebe in dem menſchlichen Buſen und in der Natur zu belauſchen. Seine Ausdrucksweiſe arbeitet ſich aus der Schulſprache heraus, über windet ſie und wird zum unmittelbarſten, ſichtbarſten Auge der Seele. Jede Linie ſeines Styles iſt von dem individuellſten Genius in Beſitz genommen. Was man das Speculative nennt, ſieht er im Nu mit Kinderaugen. Oft iſt ſein Denken Erbaunng, Muſik, himmliſches Seelengeſpräch. Aus der myſtiſchen Tiefe des Denkens ſehnte er ſich immer wieder nach der poetiſchen Geſtaltung; Poeſie war ihm das normale Daſein des Menſchen. Er war kein gelehrter und kritiſcher Kenner derſelben und bildete ſich nicht eigentlich zum Künſtler aus; die Poeſie war die Zauberin, durch die er ſein überwallendes Herz beruhigte, die Wünſchelruthe, womit er ſeine innneren Schätze an's Licht hervorzog. Er dichtete, um die Seligkeit und den Schmerz der Liebe in einer ſchönen, ebenbildlichen Darſtellung anzuſchauen und ſich dadurch innerlich frei zu machen. Hätte ſein Herz nicht geblutet, ſo hätte er vielleicht nicht geſungen. Die Poeſie wehrte ſeiner inneren Selbſtauflöſung. Geſang der Sphären mußte ſein Ohr berauſchen, wenn ſein Schmerz verſtummen ſollte. Indem er die Perlen der Schönheit aus den Tiefen dieſes Schmerzes herauszog, erfüllte ſich ſein Herz mit Seligkeit. Jedenfalls fehlt ihm die höchſte unter allen Eigenſchaften des Dichters, die Begeiſternng am wenigſten. Seine Phantaſie iſt allerdings geſtaltungsfähig, verfällt aber nur zu leicht in Verſchwommenheit, Ueberſpanntheit, Maßloſigkeit. Alle ſeine Geſtalten drängen ſich gewiſſermaßen ſchon in der Ent ſtehung nach der Auferſtehung und er lnung, Er ſieht das Weltleben mit den Augen eines ſeligen Geiſtes an, dem alle Weſen in ätheriſchen Leibern entgegen ſchweben. Daher löſt ſich ſeine Plaſtik immer in Muſik auf. Ein Band der Liebe hält alle Weſen bei ihm zuſammen; das Entfernteſte wird zu einander geführt; die Vergangenheit iſt eine Weiſſagung der Gegenwart und der Zukunft; die vernunftloſe Natur wird zur Geſpielin des Menſchen; die Menſchen ſind alle für einander da,