Mit einer ſittlichen Unſicherheit, die man im Ganzen dieſem Dichtergeſchlechte
zum Vorwurfe machen muß, hängt auch eine ſchwankende und ſelbſt zweideutige Richtung in Betreff des religiöſen Bewußtſeins zuſammen. In religiöſer, wie in poetiſcher Be⸗ ziehung herrſchte bei ihnen eine Art von neuplatoniſchem Synkretismus vor, durch den die Erkenntniß des Chriſtenthums manche Trübung erfuhr. Allerdings traten ſie der
kahlen Verſtändigkeit und oberflächlichen Aufklärerei, von der ſie das Zeitalter beherrſcht
Tiefe des Bildes und des Tones bergen. Dieſe Ideen ſind wie eine Muſik, die auf der Harfe des Gemüthes und mehr noch der Phantaſie ſpielt. Suchen wir den eigentlich menſchlichen Mittelpunkt, aus dem Tiecks Gedichte heraus wachſen, ſo bietet ihn die Liebe. Obgleich dieſe öfter eine leidende, ſchmerzliche, ja verzweifelte iſt, ſo ergeht ſie ſich doch mehr in der ſpielenden als in der herzlichen Tonweiſe; ſie ſproßt mehr zu einem Frühlinge von Schönheiten auf, als daß ſie uns im Inner— ſten ergreifen und erſchüttern könnte. Die Aufmerkſamkeit auf ihren Nachtigallenſchlag zertheilt ſich durch den Glanz, mit dem ihre farbige Welt das Auge feſſelt. Die urſprüngliche Schrift des Ge— müthes wird zu häufig von den Blüthen der Phantaſie überwuchert. Bei der innigſten, herzlichſten Liebe zur Natur verſteht es Tieck, ſie zu einer lebendigen Symbolik und zu einem nach- und fort— hallenden Hintergrunde des menſchlichen Gemüthes und Lebens zu machen. Ein Band der Liebe, des Verſtändniſſes, der gegenſeitigen Auslegung und Ergänzung ſchließt ſich unter den Weſen der Natur, zwiſchen dieſen und deni Menſchen. Ein Seelenhauch durchzieht die Welt; was in des Menſchen Herzen athmet, das athmet in allen Kreaturen. Die Liebe, die das All in Einer Geſtalt, Einer Seele umfaſſen wollte, wirft ſich, dieſes magiſchen Auszugs aus der Welt beraubt, in die Welt ſelbſt und kühlt darin ihre brennenden Wunden. Ein feiner poetiſcher(freilich meiſtens ironiſcher) Beobachter, verſteht es Tieck, der Natur im Einzelnen ihre ſprechenden Züge abzulauſchen, wenn er ſie auch nicht immer feſtzuhalten vermag. Seine Naturanſchauung iſt dabei in den Ge dichten meiſtens originell, wenn auch vielfach durch das Medium ſeiner reichen Kunſtbildung hin⸗ durchgegangen. Das eigentlich Erhabene der Natur tritt bei ihm ſelten hervor, um ſo mehr das Furchtbare, das anziehend Grauſige. Ländlich⸗milde Schönheit, Waldeinſamkeit, Waldhornklänge weiß er uns lieblich und heimiſch zu zaubern,— der ſüß plaudernde Dichter des Märchens, der auch den Flötenton des Idylls mit Glück anſtimmt. Zwiſchen Grauſen und Lieblichkeit ſchweben ſeine Natureindrücke am glücklichſten hin und wieder, und ſo geſchieht es ja im Märchen: hier ſpielt das Kind abwechſelnd mit Blumen und mit der Furcht. Wenn das roman⸗ tiſche Gefühl der Unendlichkeit die ſcharfen Grenzen der Plaſtik, die übrigens Tieck auch vortrefflich einhalten konnte, in ſeinen Gedichten zu überſpringen droht und überſpringt, ſo iſt es eine krankhaft romantiſche Magie, die ſeine Blumen oft mit unheimlichen Spinnenfäden überzieht. Das Seltſame wird dann um ſeiner ſelbſt willen und im eitlen oder muthwilligen Gegenſatze zum Alltäglich-Ver nünftigen geſucht. Die Naturbilder athmen uns ihre Friſche nicht mehr entgegen, ſondern ſind widernatürlich vergeiſtigt, verſchoben, verzerrt. Es entſteht eine leere Phantaſtik, oder im Umſchlag eine dürre Proſa in Verſen, ja in werdenden, halbwüchſigen Verſen. Der lyriſche Zauber, der ſich unſerem Dichter am wenigſten verſagt, iſt der muſikaliſche. In den Tiefen der Tonkunſt liegt die Einheit befreiender Ideen, die aber nicht als klare Gedanken ausgedrückt werden. Solche muſikaliſche Gedanken ſind es öfter, die in Tiecks lyriſchen Gedichten fortarbeiten und ſie einheitlich zuſammen⸗ halten, während die eigentlich poetiſche Ordnung, die Klarheit der Gedanken und die Beſtimmtheit der bildlichen Darſtellung ſich aufgelöſt haben.— Tieck hat echte Lieder gedichtet, die bei einzelnen Freiheiten doch die Einheit der Melodie nicht verletzen, und nicht ſelten den Ton der deutſchen Volks⸗ lieder und der Minnelieder glücklich anſtimmen. Andere Gedichte dieſes Mannes ſind ausgeführtere, vielſeitigere Tongebäude, die wir als Elegieen bezeichnen dürfen. Unter denſelben zeichnen ſich manche, in denen die Einheit der Idee wenigſtens muſikaliſch feſtgehalten wird, dadurch aus, daß ſie bei freier Wandelung des Versmaßes dieſes dem jedesmaligen Inhalte ſehr paſſend und ſicher anſchmiegen. Unter den Balladen, Romanzen und Heldenliedern, in denen ſich Tieck verſucht hat, befinden ſich bei manchem Verfehlten auch echte Gedichte, die einen volksthümlichen Geiſt und einen lyriſchen Schwung haben, und worin die anſchauliche Erzählung ſich glücklich in der Stimmung des Gemüthes auflöſt, z. B. der getreue Eckardt, an dem die ſeltſame Schale nicht von dem kräftigen Kern abſchrecken darf, und die Siegfrieds⸗Romanzen, die den echten Geiſt des Nibelungenliedes athmen.
Wenn bei Tieck die lyriſche Kraft durch den Mangel eines feſten perſönlichen Mittelpunktes und durch das Vorwalten der Phantaſie abgeſchwächt oder auf falſche Wege geleitet wird, ſo dürfen wir in Novalis den eigentlichen Gipfel der romantiſchen Lyrik erkennen. Seiner reli giöſen Innigkeit, die einen ſo mächtigen Zauber auf das Gemüth ausübt, finden wir allerdings eine tiefe Krankhaftigkeit beigemiſcht. Aus der ſittlichen Zartheit, die manche Blätter ſeiner Dichtun⸗ gen wohlthuend durchathmet, verirrt er ſich nicht ſelten zur Weichlichkeit, ja zu bedenklichen Auf⸗ regungen der Phantaſie durch ſinnliche Bilder. Indem er außerdem beſtändig eine Welt der Geiſter


