Unendlichkeit an der Poeſie hervorgehoben und fortgebildet zu haben, wobei ſie freilich nicht ſelten ſich überſtürzten und in ihrem revolutionären Drange nicht einſehen mochten, daß die echte Schönheit da ausgeſchloſſen iſt, wo dem Princip der Unendlichkeit die Fähigkeit abgeht, ſich in die feſten Grenzen der Endlichkeit einzuſchließen. Dieſer Mangel an Selbſtbeſcheidung griff denn auch mehrfach in die ſittliche Richtung der Romantiker ein: als religiöſe Ueberſchwänglichkeit und falſche Myſtik, als idealer Genuß'auf Koſten des Willens und des thatkräftigen Lebens. Die anregende Kraft, die von ihren geiſtigen Schöpfungen vielfach ausgeht, beruht vorzugsweiſe in dem muſikaliſchen Element, in dieſem Lebensgefühle der künſtleriſchen Unendlichkeit, das ſie darüber verbreiten. Aber indem hierdurch der Urgrund des Gemüthslebens erſchloſſen wird und der Sprache und Anſchauung neue Reize mittheilt, hat er ſelten die Energie, ſich mit dem Elemente der plaſtiſchen Darſtellung zu verbinden und auszugleichen. Obgleich die romantiſche Poeſie auch nach dieſer Seite wunderbare Einzelſchönheiten aufzuweiſen hat, ſo beſteht doch ein Grundmangel derſelben in der vorherrſchenden Nebelhaftigkeit und Unſicherheit ihrer Geſtalten.
Auch ihren lyriſchen Dichtungen fehlt es meiſtens ebenſoſehr an individueller Be— ſtimmtheit der einzelnen Empfindung, als an Sicherheit der Anſchauung in der Art, wie der poetiſche Spiegel hier die objective Welt zurückwirft, und namentlich an einem gediegenen ſittlichen Gehalte, an dem Gepräge eines männlichen Sinnes; und wenn wir in dieſer Hinſicht die beiden Häupter der Schule beſonders hervorheben, ſo arbeitet ſich allerdings bei Novalis aus der Krankheit eines tiefen und reichen Gemüthes der geſunde Kern, der darin verborgen iſt, mehrfach heraus, aber in den Tieck'ſchen Gedichten fehlt es an einem reellen Mittelpunkte oft bis zu dem Grade, daß ihre auseinandergeſtreuten Glieder nur mühſam durch die Einheit einer muſikaliſchen Idee zuſammengehalten werden.*)
*) Bei Ludwig Tieck war die lyriſche Poeſie, obgleich dieſelbe auch in ſeine Dramen, Romane und Novellen ſich eindrängte, keineswegs das bevorzugte Organ ſeiner Stimmung und ſchaffenden Kraft. In die drei Bände ſeiner geſammelten„Gedichte“ hat er eine Menge von Mittelgut, ja von matt⸗ herzigen Producten aufgenommen, die nicht einmal einen biographiſchen und pſychologiſchen Werth anſprechen können. Im Allgemeinen rechnen wir es dieſen Gedichten zum Tadel an, daß ſie zu wenig von männlicher ſittlicher Freiheit, zu wenig von der Kräftigung und Reinigung des Willens getragen ſind. Sie athmen eine durch Ueberfeinerung hindurchgegangene Natürlichkeit des Gemüths⸗ lebens, die ſich meiſtens auf abſtrakt⸗künſtleriſche Weiſe, ohne die lebendige Zuſammenſtimmung der Poeſie und der Sittlichkeit, zur Freiheit aufzuheben ſucht. Während hier der Kunſtenthuſiasmus als die vor⸗ herrſchend-beſtimmende Macht im Hintergrunde ſteht, vermiſſen wir das Urmoment ſittlicher Ideen, die ſich in der Poeſie durchkämpfen und der lebendige Athem der von der Phantaſie geſchaffenen Welt ſein ſollen. Die Erſchlaffung und Verweichlichung, die ſo manche dieſer Gedichte in uns zu⸗ rücklaſſen, hat ihren Sitz mehr in dem Spiele der entfeſſelten Phantaſie oder der aufgeregten Sinn⸗ lichkeit, als in der eigentlichen Sentimentalität(einer mit Liebhaberei unterhaltenen Gefühlsweichheit). Ein Uebergewicht der kranken Phantaſie über die Freiheit des Willens und ſelbſt über die Stärke des Gefühls iſt die Schwäche dieſer Gedichte. Zudem wird hier die Natürlichkeit der Empfindung durch eine überfeine Bildung beeinträchtigt. Tieck lebte zu viel fremde Dichterempfindung durch, um nicht der ſeinigen einen krankhaften Ueberreiz zu geben; doch weiß er ſich hierbei als Lyriker meiſtens in der Selbſtſtändigkeit der Anſchauung und des Tones zu behaupten. Seine lyriſche Phantaſie iſt ſtärker im Wunderbaren und Seltſamen, als im einfach Menſchlichen, obgleich ihm auch dieſes vortrefflich gelingt. Er weckt mehr die Ahnung des Unendlichen— und hier kommt ihm ſeine echt-poetiſche Gedankentiefe zu Statten— als daß er jenes mit ſcharfen Grenzen der Endlichkeit zu umſchreiben wüßte. Zauberiſch ſind oft die Lichter, die er in ſeine Anſchauungen hineinſpielen läßt; aber eben ſo oft verſchwimmen ſeine Farbenſpiele in einer falſchen Allgemeinheit. In dem All des Naturlebens, deſſen Farben ſich bei Tieck am liebſten in Töne überſetzen, verſchwinden ſchnell die beſtimmten Einzelmomente, aus denen ſeine Gedichte hervorgingen; und namentlich die menſch⸗ lichen Lebensgeſtalten, von denen ſie eingegeben wurden, wollen ſich darin ſelten plaſtiſch⸗lyriſch ver⸗ gegenwärtigen. Die Gedankenwelt, die hier reichlich ausgeſtreut iſt, beſteht ſelten in abſtrakten Re⸗ flexionen; ſie bietet meiſtens Ideen aus der dichteriſchen Stimmung heraus, Ideen, die ſich in der
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