Aufsatz 
Uhland als lyrischer und epischer Dichter / von Georg Zimmermann
Entstehung
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dieſe auch von dem geſunden Gefühl und Geſchmack noch ſo weit ablenken ſollten. Dennoch fehlte es zu einer ſolchen Oppoſition nicht an der inneren Berechtigung. Unſere beiden Meiſter waren in der Zeit ihrer gemeinſamen Wirkſamkeit von der echtgermani⸗ ſchen Richtung, die namentlich Goethe im Werther und im Götz von Berlichingen einge ſchlagen hatte, und wobei ihnen Shakespeare als der ſicherſte Führer voranging, vielfach abgewichen; ſie waren zu dem Vorbilde der Griechen zurückgekehrt und hatten ſich nicht darauf beſchränkt, ſich die ewigen Geſetze der Schönheit aus denſelben anzueignen, ſondern ſie hatten ſich dieſen Muſtern auch in Beziehung auf ihre Weltanſicht und auf das Ver gängliche und einſeitig Nationale ihrer Geſchmacksbildung unterworfen. Sie hatten überhaupt mehr oder weniger das künſtleriſche Ideal, deſſen abſtrakte Geſtaltung ſie aus der Kantiſchen Philoſophie ſchöpften, vom Inhalte und der Geſinnung getrennt und einen Unterſchied zwiſchen der poetiſchen und der menſchlichen Eingebung gelten laſſen, der den Griechen ſo wenig als dem engliſchen Dramatiker bekannt war. Sie hatten mit anderen Worten die ſchöne Form im weiteren Sinne zum eigentlichen Prinzip ihrer Dichtungen erhoben und dabei mehrfach vergeſſen, daß dieſe ihren lebendigen Urſprung aus dem Geiſte der Nation, aus der innerſten Ueberzeugung, aus der tiefſten Quelle der Perſönlichkeit herleiten müſſe. Mag man nun die Richtung der roman tiſchen Schule als eine verworrene und krankhafte bezeichnen, ſo war ſie doch auch von der glücklichen Ahnung durchdrungen, daß die Literatur eines Volkes nur in deſſen heimiſchem Geiſt und Leben eine feſte Wurzel faſſen könne, und daß in ſei ner geſchichtlichen Entwickelung die Richtſchnur für den Gang und die Beurtheilung ſeiner Poeſie geſucht werden müſſe. Von dieſem richtigen Lebensgefühle geleitet, gingen die Romantiker auf unſere deutſche Vorwelt zurück, um dort eine nationale Grundlage für unſere Poeſie zu finden; aber freilich miſchte ſich gleichzeitig in dieſes rühmliche Beſtreben eine- überwiegende Sympathie für die Literatur der romaniſchen Völker ein, durch die ſie noch viel weiter als Goethe und Schiller von dem eigentlich nationalen Wege wieder abgelenkt wurden. Ueberhaupt waren die Romantiker der großen, von ihnen geahnten Aufgabe nicht gewachſen. Im Allgemeinen war ihre Bildung zu vielſeitig, ihr Geſchmack zu ſehr verfeinert, ihr Gemüthsleben zu wenig geſund, ihre Anſchauungsweiſe für die klare Erfaſſung des Lebens zu verſchränkt und ſonder⸗ bar und ihre Kenntniß der deutſchen Vergangenheit zu nebelhaft, um den Genius des Volkes mit Unbefangenheit, Beſtimmtheit und Schärfe zu erkennen und wiederzugeben. Indem ſie namentlich bei ihrer äſthetiſchen Verwöhnung der ſchweren Arbeit abgeneigt waren, die ihnen eine künſtleriſche Durchdringung und Wiedergeburt des gegenwärtigen Lebens auferlegt hätte, und ſtatt deſſen ſich in dem poetiſchen Fern⸗- und Zauberglanze des Mittelalters badeten, verloren ſie den feſten Boden der Realität und verirrten ſich in die Dämmerungen des Phantaſtiſchen.

Hierdurch wurde beinahe der ganze Umfang der Poeſie gewiſſermaßen in die Geſtalt des Märchens verwandelt; eine Traumesdämmerung lagerte ſich über die Schilderungen der Natur, über die Abſpiegelungen des Gemüthslebens, ja nur zu leicht über Gedanken und Ueberzeugungen. Indem es zunächſt darauf abgeſehen zu ſein ſchien, alle Ketten des Vorurtheils und der willkürlichen Regel, die den menſchlichen Geiſt noch feſſelten, durch den Zauberſtab der Dichtung zu ſprengen, entfernte man ſich oft genug von den Geſetzen der logiſchen und der ſittlichen Ordnung, in deren Feſſeln der Geiſt erſt wahrhaft frei wird. Aber es lag in dem ſeltſamen Streben der Romantiker doch immerhin das Richtige und Geſunde, daß hierbei der Geiſt ſeine Kräfte nach allen Seiten in Bewegung ſetzte und einen großen Reichthum von Blüthen entfaltete. Indem die Jünger und Anhänger der neuen Schule in dieſe Tiefen wie in einen kühlenden Brunnen hinabtauchten, befreiten ſie ſich von mancher Engherzigkeit der Geſinnung und von man cher Beſchränktheit der Anſchauung, und es bleibt ihr hohes Verdienſt, die Seite der