Aufsatz 
Uhland als lyrischer und epischer Dichter / von Georg Zimmermann
Entstehung
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Uhland als lyriſcher und epiſcher Dichter

beleuchtet von Profeſſor Dr. Georg Zimmermann.

Das Zeitalter, in welchem ſich Uhlands dichteriſcher Genius entwickelte, ſtand am Ende einer großen Literaturperiode, in welcher zunächſt der dichteriſche Geiſt des vorigen Jahrhunderts ſeinen Abſchluß und ſeine vollkommenſte Geſtaltung empfangen zu haben ſchien. Eine jüngere Generation von Dichtern und Kritikern, in der ſich die Wildheit der Genieperiode mit univerſeller Bildung und Ueberfeinerung des Geſchmackes auf eine ſeltſame Weiſe vereinigte, gab nicht undeutlich zu verſtehen, daß ſie über den Standpunkt, den Leſſing, Goethe, Schiller ꝛc. errungen hatten, hinauszuſchreiten und erſt das wahre Geheimniß der Poeſie zu enthüllen berufen ſei. Während unſere politiſchen und zum Theil auch unſere ſocialen Zuſtände ein Bild der Verſunkenheit, der Schmach und des Jammers darboten, ſchmeichelte die romantiſche Schule ſich und der deutſchen Nation mit der Hoffnung, das Eldorado der echten Kunſt zu entdecken und dadurch im Bereiche des idealen Lebens einen Erſatz für die troſtloſe Wirklichkeit zu bieten. Sie eröffnete zugleich die Ausſicht, den Gehalt der von den großen Philoſophen errungenen Geiſtesſchätze dem Gemüthe und der Phantaſie zugänglicher zu machen und ebenſowohl mit der Religion als mit der Poeſie auszugleichen. Sie erklärte die Abgrenzung der geiſtigen Gebiete und die Entfernung, in welcher ſich die einzelnen Wiſſenſchaften und Künſte von einander bewegen, für eine geiſtige Beſchränktheit und kehrte zu dem von Hamann aufgeſtellten Principe zurück, die ſämmtlichen Richtungen des inneren Lebens aus Einem Mittelpunkte herzuleiten und auf dieſen zurückzuführen. Als den eigentlichen und wahren Mittelpunkt des neu zu erweckenden Lebens betrachtete ſie aber eine Poeſie, durch welche die Schranken der einſeitigen Nationalität durchbrochen und die einzelnen Literaturen zu einer Welt literatur vereinigt werden ſollten, und indem ſie damit die Religion und die Wiſſenſchaft zu verſchmelzen ſuchte, war ihr Streben namentlich darauf gerichtet, die Grenzen zwiſchen ihrer poetiſchen Myſtik und der Wirklichkeit des Lebens aufzuheben. In dieſem neuen Geiſte, der zugleich eine Wiedererweckung und Verjüngung der ganzen Vergangenheit in ſich ſchließen ſollte, lagen Zündſtoffe zu einer allſeitigen Geiſtesrevolution, die nur deß⸗ wegen nicht zum rechten Ausbruche kam, weil es den Urhebern derſelben meiſtens an der männlichen Feſtigkeit des Charakters fehlte, weil ihre Blicke in das Zeitbewußtſein unſicher und ſchielend waren, und weil die politiſchen Bedürfniſſe der Gegenwart nach ganz anderen Beſtrebungen hindrängten. Zunächſt ging die Richtung der romantiſchen Schule von einer Oppoſition gegen unſere Klaſſiker aus, obgleich ihre äſthetiſchen Grund⸗ ſätze ſich aus der Schilleriſchen Philoſophie entwickelten, oder vielmehr eine Ausartung derſelben darſtellten, und obgleich ſie Goethe als die perſönliche Verkörperung des wah⸗ ren künſtleriſchen Geiſtes betrachteten. Dieſe Oppoſition war allerdings vielfach von dem eitlen Streben geleitet, das Vortreffliche und Meiſterhafte durch das Seltſame und Ueberſchwengliche in Schatten zu ſtellen und überhaupt neue Wege zu bahnen, wenn

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