Aufsatz 
Uhland als lyrischer und epischer Dichter / von Georg Zimmermann
Entstehung
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genannte gemeine Bewußtſein mit einer ſchützenden Mauer zu umzziehen, traten ſie nicht blos dem Verſtandeskriticismus, ſondern auch dem proteſtantiſchen Geiſte und ſeiner Tiefe und Innerlichkeit entgegen und wieſen auf den von allen Wundern der Kunſt ge⸗ hobenen kirchlichen Glanz des Mittelalters als auf das verlorene und wieder aufzu⸗ ſuchende Paradies hin. So wenig die meiſten von ihnen mit ihrem Herzen und ihrer Ueberzeugung dem Katholicismus angehörten, ſo ſchwelgten ſie doch in dem poetiſchen Glanze ſeiner Erſcheinungsformen, und wenn ihnen auch die ſchöne Innigkeit des mittel alterlichen Glaubens fehlte, ſo berauſchten ſie ſich doch in den wunderbaren Blumen der Poeſie, die dem Boden desſelben ſo reichlich entſproſſen ſind. Auf dieſe Weiſe gelang es ihnen vielfach, die äſthetiſche Form der katholiſchen Geiſteswelt von ihrem Gehalte zu trennen, der ſie doch hervorgerufen und ihr ſein ganzes Gepräge aufgedrückt hat.

Wenden wir uns von dieſen innerſten Heiligthümern des Geiſtes, in welchen die Romantik wenigſtens manche tiefere Betrachtung angeregt, aber auch manche Verirrung her vorgerufen hat, zu dem Gegenſatz und Spiegel des Geiſtes, zur Natur hinüber, ſo lag es in der muſikaliſchen Grundrichtung dieſer Schule, daß ſie ein durchgreifenderes und innigeres Band zwiſchen dem Leben der Natur und dem der menſchlichen Seele knüpfte. Es ver leiht den Dichtungen der Romantiker einen ganz eigenthümlichen Reiz, daß ſie in allen Erſcheinungen der Natur Geheimniſſe aufſuchen und Geheimniſſe des Gemüthes hinein legen, daß uns mit fremdartigen und doch vertraulichen Blicken ein Pan, eine Alles durchdringende Seele daraus anſchaut, die das Entlegenſte auf einander bezieht, das Ver⸗ ſchiedenartigſte vereinigt, das Seltſamſte gewöhnlich und das Alltäglichſte wunderbar er⸗ ſcheinen läßt. Wird aber hierdurch die Natur zu einer holdſeligen Echo, die uns in der Einſamkeit begleitet, zu einer Freundin, die in unſere innerſten Empfindungen einſtimmt und ſie verſchönert wiedergibt, zu einer Mitwiſſerin, die durch Theilnahme unſere Freu⸗ den erhöht und unſere Schmerzen mildert, zu einem wohlwollenden Genius, der unſer verborgenſtes Seelenleben erweckt und in demſelben ganz neue, ungeahnte Kräfte in Thätigkeit ſetzt, ſo erhebt ſich auch der Naturgeiſt bei dem Uebermaße der Freiheit, das ihm und dem menſchlichen Gemüthsleben eingeräumt iſt, und bei dem häufigen Mangel einer feſten Leitung durch ſittliche Ideen wie ein feindſeliger Dämon, der alle Feſſeln, auch die des Gewiſſens und der Vernunft abſchüttelt, der die Einheit unſeres Inneren zerreißt, die Phantaſie und die Sinnlichkeit in einen gefährlichen Rauſch einſingt, den Willen entnervt und die Thatkraft auflöst, ja die ſchwindelnden Abgründe des Wahn ſinnes vor uns öffnet.

Bei den großen Verdienſten und glänzenden Eigenſchaften dieſer Schule, die auch in unſeren Tagen eine gerechte und unbefangene Kritik zugeſtehen muß, fehlt ihren meiſten Schöpfungen die Erfüllung eines Hauptgeſetzes, das Ariſtoteles der Poeſie vorſchreibt, es fehlt ihnen die geiſtige Befreiung des in die Bande der Natürlichkeit geſchlagenen Gemüths lebens. Dieſe Befreiung wurde auch durch den Humor, der bei dem überall hervortretenden Princip der dichteriſchen Unendlichkeit und bei der vielverknüpfenden Geiſtesrichtung der Ro⸗ mantiker in ihren Schöpfungen eine bedeutende Vertiefung, Verfeinerung und Vielgeſtaltigkeit

gehen in einander auf; der Geiſt des Märchens und des poetiſchen Pantheismus durchathmet dieſe Welt. Seine eigentlich⸗lyriſchen Gedichte kranken allerdings vielfach an Zerfloſſenheit der Form und ſchweifen nicht ſelten in Phantaſtik aus, die ſich ſogar, beſonders in den Hymnen an die Nacht, von einer Beimiſchung der aufgeregten Sinnlichkeit nicht ganz frei zu erhalten weiß. Aber im Ganzen ziehen ſie uns doch durch die Schönheit, Tiefe und Innigkeit der Empfindungen an, die ſich da am reinſten ausprägt, wo ihn die Form des Liedes bindet. Seine Verſe ſind meiſtens leicht, gewandt und ungeſucht. Die geiſtlichen Lieder haben bei der Reinheit und Wärme des gläubigen Gemüthes, die ſich darin ausſpricht, doch auch manchen Zug einer krankhaften Myſtik, und was wir an dieſen Gedichten, von denen manche zu den ſchönſten Perlen unſerer lyriſchen Poeſie gehören, namentlich vermiſſen, iſt die kirchliche Volksthümlichkeit.