Aufsatz 
Bemerkungen zur Methodik des lateinischen Unterrichts / von Zilch
Entstehung
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Vocabularien sollen nun gewiss nicht die Spezialwörterbücher ganz entbehrlich machen. Wenn der Fall eintritt, dass der Schüler von seinem Gedächtniss im Stiche gelassen wird, dann greife er nach Maszgabe des altrömisch-militärischen Grundsatzes: res ad triarios redit nach demselben. Aber auch im Falle eines solchen Bedürfnisses bleibt das Unabhängigkeitsgefühl des Schülers vom Wörterbuche doch stets im Grossen und Ganzen gewahrt, er unterscheidet sich immer noch sehr von dem Schüler, dessen Augen wie ein perpetuum mobile vom Text zu seinem Hülfsmittel schweifen. Schlieszlich dürfte auch bei einem lexikalisch gründlich vorgebildeten Schüler die Neigung, sich von Freunden helfen zu lassen, weniger die Oberhand gewinnen als bei solchen, die sich mühsam auf anstrengenden Umwegen präpariren und in ihrem Ueberdruss und ihrer Langeweile rasch fertig werden möchten.

Wenn nun der Vocabelschatz, insofern er durch eine lebendige Verbindung mit der Lectüre und allen übrigen mündlichen und schriftlichen Uebungen seinen eigentlichen Werth erhält, den Grundstein am Baue des sprachlichen Unterrichts bildet, so tritt als weitere Frage die auf, was denn wohl zum Oberbau und zur Ornamentik des in gutem Stile zu errichtenden Werkes noch weiter gehöre? Die Antwort lautet: Eine unmittelbar aus der classischen Lectüre zu schöpfende Kenntniss von Vocabeln zweiter Stufe, wie sie Thoms¹) nennt, oder wie man gewöhnlich zu sagen pflegt: Phraseologische Uebungen²). In den Geist einer fremden Sprache einzudringen ohne phraseologisches Material ist schlechterdings unmöglich. Mit der copia verborum, wie sie in den unteren Classen erworben wird, sowie mit den rein grammatischen Kenntnissen kann man die Anschauungsweise und den Genius der Römer so wenig, wie den eines anderen Volkes durch- dringen. Man kann zwar in einer Sprache, ohne grammatische Verstösse zu machen, sich bewegen und seine Gedanken in ihrem Idiom ausdrücken; aber eine rechte Herrschaft über dieselbe, eine geschickte Handhabung des schriftlichen und mündlichen Ausdrucks, ein Eindringen in ihren Geist der Art, dass man den Boden der Muttersprache vollständig verlässt und sich in die Vor- stellungsweise der fremden Sprache geradezu versetzt, ist nothwendig bedingt durch einen sorg- sam erlernten Schatz leicht und rasch zu Gebote stehender Redewendungen, die in dem Volks- charakter, in den nationalen Vorstellungen, Einrichtungen, Lebensverhältnissen concret oder ab- stract wurzeln.

Wenn also unter den Bedingungen der Beherrschung des materiellen Bestandes einer Sprache überhaupt und so auch der lateinischen insbesondere die feste Aneignung charakteristischer Aus- drucksformen, ich will nicht sagen oben ansteht, aber doch nicht entbehrt werden kann, so er-

¹) J. Thoms: Ueber die Wichtigkeit des phraseol. Elementes im Lateinischen Unterrichte und über Winrieheung und Benutzung phraseol. Sammlungen, Gymnasial-Programm, Greifswalde 1861, p. 2.

²) Beschäftigt haben sich mit dieser Frage noch Queck: Die phraseolog. Uebungen beim lat. Unterricht, in Langbeins Pädagog. Archiv II. 4. 1860. Bauermeister: Beiträge zur Frage über die lat. Collectanea der Schüler, Gymnasial-Programm, Luckau 1866. Rehdantz in seiner schon vorher erwähnten Arbeit. Es sind dies sämmtlich sehr lehrreiche Abhandlungen, die manchen beherzigenswerthen Wink geben.

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