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gelegentlich anzuwendenden Methode nicht gefehlt hat. Ich glaube, abgesehen von dem hierdurch sich nothwendig ergebenden Zeitverluste, die Ueberzeugung der Unzweckmäszigkeit auch damit motiviren zu können, wenn ich sage, dass man mit einer solchen didaktischen Behandlung, wenn auch unbewusst, wieder plötzlich auf dem Boden der eigentlichen Philologie steht und dass der Nutzen eines hierdurch erweckten Wetteifers der Schüler durch die Gefahr einer inhaltlosen Scheingelehrsamkeit paralysirt wird, während nebenbei oft kritische Schwierigkeiten die Ueber- wachung des Lehrers in einem Grade erheischen, dass er im Hinblick auf die bekannte Wahrheit jenes Verses bei Virgil(Georg. III. 284): sed fugit interea, fugit irreparabile tempus, die ganze Interpretation lieber selbst in die Hand nimmt.—
Wenn es in den auf der 18. Philologen-Versammlung zu Wien von Prof. Hochegger aufge- stellten Thesen heiszt:„Dem Gedeihen des gesammten Lateinunterrichts sind lateinische Sprech- übungen von wesentlichem Nutzen. Diese Uebungen sind methodich zu leiten, und zwar haben sie sich auf den unteren Stufen des Gymnasiums vornehmlich auf Memoriren von classischen Sentenzen, Stellen und kleinen Lesestücken zu beschränken, auf den mittleren Stufen hat Repro- duciren der vorher genau erklärten Abschnitte der Classiker hinzuzutreten; auf der oberen Stufe endlich soll der Inhalt der sprachlich und sachlich interpretirten Lesestücke aus latein. und griech. Classikern in freier lateinischer Rede wiedergegeben werden,“— so schliesze ich mich diesem zwar etwas ideal klingenden, aber doch zu beherzigenden Lehrprincip aus voller Ueberzeugung an, möchte aber doch als erste und breiteste Grundlage desselben das systematische Erlernen von Vo- cabeln, die nach bestimmten Grundsätzen zusammengestellt sein müssen, hier besonders hervorheben.
Bekanntlich hat man schon längst die. Ansicht aufgegeben, dass der Schüler beim Erlernen der Elemente des Lateinischen sich mit Aufschlagen der zum Uebersetzen nöthigen Wörter zu befassen habe. Das Vocabellernen ist als eine Nothwendigkeit des Unterrichts von den Schul- behörden seit geraumer Zeit zur Geltung gebracht und zur Pflicht gemacht, ¹) sei es nach dem etymologischen, sei es nach dem realen Princip, sei es nach beiden auch wohl in Vereinigung. Soll aber der gewonnene Wörtervorrath einen directen Nutzen bieten und dem Schüler nicht wieder verloren gehen, so muss, wie z. B. bei den Ostermann'schen Vocabularien, eine enge Ver- bindung mit entsprechenden Uebungsbüchern hergestellt werden, wodurch allein der Schüler in ununterbrochener Fühlung mit den erlernten Wörtern bleibt. Denn wenn auch ein umsichtiger Lehrer streng darauf hält, dass die Vokabeln fleiszig repetirt werden und sie unausgesetzt abhört, so dient doch eine fortwährende praktische Verwendung des gewonnenen Vocabelschatzes noch viel mehr dazu, dass derselbe als ein vyjha c det sich bei den Schülern einbürgert. Zugleich kann man die Einrichtung, die z. B. dem Ostermann'’schen Princip zu Grunde liegt, als eine durchaus zweckmäszige bezeichnen, dass die Schüler der Sexta und Quinta mit den für die Lectüre des Nepos, die Schüler der Quarta mit den für die Lectüre des Cäsar erforderlichen Vocabeln bekannt
¹) Vergl. Schrader, Erziehungs- und Unterrichtslehre p. 355.


