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Geschichtliche hat nur insofern Werth, als es sich auf das Wirkliche, das ewig Gegenwärtige, bezieht. Der Satz:„Der tiefere Grund alles Realen liegt im geistigen Gehalt und Werth der Dinge und die sinnliche Welt ruht auf der geistigen“, welcher in einer vor der schweizerischen Lehrerversammlung zu Basel zum Schutz des Lateinischen gehaltenen Rede vorkommt*⁹), können wir nur dann verstehen, wenn wir ihn in sein Gegentheil umwandeln: der tiefere Grund des geistigen Gehalts und Werthes der Dinge liegt im Realen, und die geistige Welt ruht auf der sinnlichen.— Das Ideale, das ächte Ideale ist die Blüte des Wirklichen; es ist eben nur dadurch ideal, dass es real ist. Die Wissenschaft zar roxν*ν ist die Naturwissenschaft; sie, und nicht die Historie, ist das Höchste und Letzte; innerhalb ihres Bereichs gipfelt die Philosophie. Wenn es möglich wäre, die lateinischen Lektionen ohne Weiteres in naturwissenschaftliche umzutauschen, so würden wir unbedingt dazu rathen. Es ist dies aber ganz und gar unthunlich, weil die Naturwissenschaft eine gereifte Beobachtungsgabe und eine ausgebildete Urtheilskraft in Anspruch nimmt; mit ihr kann man nicht anfangen: die Anfangsgründe der Naturwissenschaft lernt man vielmehr im Lateinischen. Ein ganz und gar leeres Gerede unverständiger Leute ist es aber, wenn man behauptet, eine neuere fremde Sprache liesse sich in der Schule an die Stelle des Lateinischen setzen. Welche Sprache sollte dies sein?— Das Spanische ist zu entlegen, das Englische zu leicht etc.: nur das Französische bleibt übrig. Dasselbe wird ja vielfach als Ersatz des Latein vorgeschlagen; unterrichtete Franzosen selbst aber sind anderer Meinung; d'ailleurs, sagt Vinet in der Vorrede zum ersten Band Seiner französischen Chrestomathie, le fait méme de la suppression des études latines porte une atteinte directe à celle de la langue française. Le latin soutient les racines et par conséquent la raison du français; ce qui fait, que, sans son secours, un enseignement supérieur de notre langue est à peu près impossible.— Wenn ich ein französisches Buch mit Rücksicht auf die Sprache lese, so ist es mir zu Muthe, als durchwandelte ich die Trümmer einer antiken Stadt, in welcher sich ein junges lebenslustiges Völkchen angesiedelt und so gut als möglich eingerichtet hat; da kommt es nicht darauf an, wie das vorgefundene Baumaterial verwerthet und verwendet wird: der Rest einer korinthischen Säule mag gelegentlich das Dach einer Hütte stützen. Einen Kunststil wird eine solche Stadt in ihrer Architektur ebensowenig bieten, als die französische Grammatik eine architektonische Logik aufweisen kann. Etwas Logik ist freilich in ihr; diese ist überall, wo menschlicher Geist ist. Aber bilden kann sich die Jugend an der französischen Logik nicht. Was soll sich der Knabe z. B. denken, wenn man ihn lehrt, dass in dem Satz:„Diese Leute sind gut“ die Leute männlichen Geschlechts,„diese guten Leute“ hingegen weiblich; dass alle jungen Leute männlich, alle alten Leute aber
*) Neue Jahrbücher für Philologie und Pädag. von Fleckeiscn und Masius, 101. Bd., 7. Heft, p. 327.


