—
— 5—
Genius des Menschenverstandes heimlich ins Ohr flüstert, das Thun am Denken, das Denken am Thun zu prüfen, der kann nicht irren“ u. s. w.
Der gütige Leser, welcher bis hierher gekommen ist, könnte wohl glauben, wir hätten das Thema unserer Abhandlung aus den Augen verloren, da von dem lateinischen Unterricht bisher wenig die Rede war. Wir haben uns jedoch nicht in abgelegene Gebiete verirrt; wir sind ganz bei der Sache: denn im lateinischen Unterricht der Realschule soll man
1) Denken,
2) Deutsch,
3) etwas Latein lernen.
Man soll im lateinischen Unterricht vornehmlich denken lernen und zwar wissen- schaftlich denken, in dem oben erläuterten Sinn; dazu verhelfen schon die Studien der Sexta und Quinta. Es ist ganz und gar unmöglich, ein gutes Sextaner-Exercitium zu schreiben, ohne den wissenschaftlichen Schematismus der Begriffe anzuwenden. Wer den einfachsten lateinischen Satz richtig übersetzen will, der muss sehr darauf Acht haben, dass er das Einzelne unter das Allgemeine, das Beispiel unter die Regel richtig subsumirt; er muss aber auch zugleich kombiniren, da jeder Satz gar verschiedene grammatische Beziehungen enthält; wer als Sextaner sich grammatischen Uebungen unterzieht, der muss, wie im prak- tischen Leben, an Vielerlei zugleich denken, wenn er sich vor Fehlern hüten will, und muss weit mehr seinen Verstand als sein Gedächtniss um guten Rath fragen. Kommt man über den Kursus der Sexta und Quinta hinaus, so eröffnet sich in der lateinischen Syntax eine reiche und wohlgegliederte Gedankenwelt, eine Welt, die von allgemeinen Begriffen beherrscht wird; in der nichts zufällig ist, in der sich auch das Kleinste und Unbedeutendste noch erklären lässt; in der wir nicht nur Erkenntniss gewinnen, sondern auch Freiheit des Geistes, da der Geist eines originellen, freien, starken Volkes in ihr sich ausprägt.
In diesem Sinne erklären wir den Hauptwerth des Latein in der Realschule und in diesem Sinn erlauben wir uns sogar, das Latein unter die Realien zu rechnen. Gehörte dasselbe nicht unter die Realien, so wäre es in der Realschule ein Fremdling, dem man jeden Augenblick die Pässe ausfertigen könnte. Das Latein gehört aber zu den Realien, nicht seinem Inhalt nach, sondern seiner wissenschaftlichen Form nach, insofern es die Kraft besitzt, den jugendlichen Geist zur Erkenntniss der Welt vorzubilden, zum Verständniss der Dinge zu befähigen. Ist dieser Satz falsch, so wollen wir gern diese Abhandlung ins Feuer werfen und uns auf die Seite Derjenigen stellen, welche das Latein aus der Realschule zu entfernen wünschen. Das historische Wissen ist nicht für uns das Höchste und Beste; wir erkennen es als schätzbar und interessant; aber nur die Wirklichkeit, die Natur, deren Werke„herrlich sind, wie am ersten Tag“, bilden das Objekt des werthvollen Wissens. Das


