Aufsatz 
Über den Wert des lateinischen Unterrichtes in der Realschule
Entstehung
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3.

Bilder der Künstler sind Typen der schönen Menschheit, der schönen*) Natur; sie sind einzig in ihrer Art und vollständig(vollendet), eben weil sie Ideen ausdrücken. Es ist nun kein Spiel mit Worten, wenn wir behaupten, dass auch ein Gebildeter der sei, welcher eine Idee repräsentirt; das Ziel aller Bildung ist kein höheres oder tieferes, als die Menschheit würdig in sich darzustellen. Was man jetzt gelehrte Studien nennt, nannte man früherHumaniora,(d. h. menschlichere Beschäftigungen). Wir haben hier von der intellektuellen Bildung zu reden; die Schulbildung ist der Hauptsache nach eine intellektuelle. Sie ist dies mit Recht: erstens weil vornehmlich durch die Erleuchtung des Geistes der Wille sich stärkt und heiligt, und zweitens weil man systematisch belehren, nicht aber systematisch bekehren**) kann. Wir fragen also und diese Frage ist das Resumé der vorigen Sätze: Worin besteht, wenn Bildung überhaupt nichts Anderes ist, als die Erreichung des Menschlichen, die Darstellung der Idee der Menschheit, worin besteht die intellektuelle(wie man gewöhnlich sagt, geistige) Bildung? Wir antworten auf diese Frage sehr trivial und hoffen doch vermittelst unserer trivialen Antwort dengelehrten lateinischen Kram der Schule zu erhalten: Die Bildung des Geistes be- ruht auf dem richtigen Gebrauch der fünf Sinne. Dass der Gebrauch der fünf Sinne dem menschlichen Wesen entspricht, werden uns selbst die Utilitarier(d. h. Diejenigen, welche unter dem Mahnruf: O cives, cives, quaerenda pecunia primum est von der Vertiefung in ge- lehrte Sachen abrathen) sehr gerne zugestehen; den Antipoden der Utilitarier, den hohlen Idealisten(Spiritualisten) rufen wir zu, dass unsere Sinne die einzigen Pforten sind, durch welche die wirkliche Welt zu uns eingeht. Nihil est in intellectu quod non fuerit in sensu; wer blind, taub, gefühllos, geschmack- und geruchlos ist, wird nichts erfahren und durchaus nichts denken.

Die Sinne liefern uns Anschauungen; so liefert uns als Kindern das Auge die Anschauung des Apfelbaums, den wir im väterlichen Garten sehen; unser Gedächtniss wird sehr bald diese Anschauung wiederholen lernen: und wir gelangen zu einer Vorstellung dieses Apfelbaums. Sehen wir dann nach und nach mehrere dergleichen an verschiedenen Orten, so entsteht in uns unvermerkt, scheinbar ohne unser Zuthun, ein Begriff, welcher wie mit einem Zauberschlag uns über den Vorstellungskreis der begabtesten Thiere in die menschliche Geisteswelt und sogar über Zeit und Raum erhebt; in dem Begriff des Apfel-

*) Was man unterschön zu verstehen habe, ist irgendwo in den Gesprächen Göthes mit Eckermann, ganz in dem Sinn, wie wir es hier nehmen, erläutert.

**) Untersystematisch verstehe ich: mit sicherer Aussicht auf Erfolg; und unterbekehren verstehe ich einfach: zum Guten hinführen,(gemäss des Schriftworts: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf).

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