— 2—
hier vorzugsweise in Betracht und es handelt sich darum, ob die Realschule I. Ordnung durch Verstärkung des Lateinischen als zentralen Unterrichtsfachs dem Gymnasium näher gebracht, oder ob sie durch Amortisation der klassischen Bildungselemente zur Realschule im niederen Sinne degradirt(d. h. ihrem Wesen nach vernichtet) oder endlich, ob sie in ihrer gegenwärtigen Organisation erhalten werden soll? Wir fühlen uns nicht berufen, diese weitschichtige und schwierige Frage zu erörtern; wir schreiben die folgenden Zeilen nicht für die gelehrte Welt, nicht für die streitenden Parteien, sondern für die Eltern unserer Schüler, für das wohlwollende Publikum, welches die preussischen Realschulen ge- schaffen hat und erhält. Die Vortrefflichkeit des preussischen Schulwesens hat einen Ruf, der über Europa hinausgeht; seine glänzendste Seite erkennen wir in der selbstthätigen Fürsorge der Gemeinden für ihre höheren Schulen, in der Opferfreudigkeit des preussischen Bürgerthums, welches aller Orten aus eigenen Mitteln höhere Anstalten, Gymnasien und Realschulen schafft, welche nicht der Abrichtung auf den Proderwerb, sondern der Bildung, der nationalen Kultur dienen sollen. Nicht die Schullehrer kultiviren die Welt; sonst wäre ja der wahre Fortschritt etwas mechanisch, d. h. durch äussere Mittel, Erreichbares: der rechte Geist eines Zeitalters bringt die rechten Schulen hervor. Nun wissen wir sehr wohl, wo den Lehrer unserer Tage, insbesondere den seinem Beruf aufrichtig ergebenen Reallehrer der Schuh drückt; wir wissen, dass das Vollkommene noch nicht da ist— wir streben ihm entgegen; aber wir wissen auch, dass nur eine Bewegung des Welt- geistes, ein neu eintretendes Ferment in dem Geistesleben der Zeit, die Bildungselemente, also auch die Schulen, zu stärken und zu bessern vermag. Wir beschränken uns daher in Folgendem darauf, den Werth des lateinischen Unterrichts und zwar genau so, wie er gegenwärtig in dem Lectionsplan der Realschule erscheint, nicht den Theoretikern, sondern dem Publikum gegenüber zu vertreten und zu erläutern. Wir werden uns bei dieser Auf- gabe bemühen, möglichst viel Inhalt und möglichst wenig Worte zu geben, ohne jedoch irgend welches Glied einer logischen Gedankenreihe zu überspringen.
Die Realschule ist zunächst keine Fachschule, sie bereitet nicht im engeren Sinn fürs praktische Leben vor; ja es gibt keine Schule, die für die Praxis ohne Weiteres taug- lich zu machen vermöchte: kein Kadettenhaus erzieht Offiziere, die sich im Kriege bewähren müssen; keine Handelsschule bildet ihre Zöglinge zu gewandten Kaufleuten; der Soldat wird im Krieg, und der Kaufmann wird im„Geschäft“ ausgebildet. Man denke an Amerika, wo die Schulbildung im Allgemeinen auf einer niedrigen und die praktische Routine auf einer sehr hohen Stufe steht.— Die Realschule ist keine Fachschule, sondern eine Bildungs- anstalt. Was heisst bilden? Bilden ist sinnverwandt mit formen; ein Gebildetes unter- scheidet sich von einem Geformten dadurch, dass das erstere eine Idee, eine Idee im plato- nischen Sinne, d. h. einen Gattungsbegriff, zur Darstellung bringt. Die Bildsäulen und die


