Aufsatz 
Schiller und das erste Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts
Entstehung
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mit überlaut getrennt hervorgehobener Rede Aufrufer gegen Frankreich bei jauchzendem Zustimmen.) Sieben Jahre später wiederholte sich ähnliches, sobald der Druck französischer Besatzung geschwunden war. Wieder sah man inWallensteins Lager vielfach den besten Ausdruck der hochgespannten Stimmung: in Wien hatte eine Bearbeitung Heinrich Schmidts Das österreichische Feldlager grossen Erfolg, in Berlin bildete am Einzugstage Yorks dasLager den Schluss der Theatervorstellung des Abends. Bei demWohlauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd erhob sich das ganze Publikum und stimmte mit ein. ⁷⁴) Auch der Siegesjubelblieb nicht ohne Einfluss auf das Theater... Vaterländische Dramen wurden begehrt und mit besonderer Vorliebe dargestellt. Jede Stelle, die sich mit Recht oder Un- recht auf die Tagesereignisse beziehen liess, erregte stürmische Demonstrationen, die sich im Schillerschen Tell und in Kleists Prinzen von Homburg(?2) bis zu bacchantischem Taumel gipfelten. Man kann diese Worte Anschützens¹⁰) in Einzelheiten anzweifeln, die Stimmung der Tage gibt er doch wohl richtig wieder. Die begeisternde Wirkung Schillers war auch nicht an das Theater gebunden; aus Breslau schrieb Körner ¹⁶) am achtzehnten März an Friedrich Förster:So singen wir beim Champagner aus vollem Herzen: Frisch auf!

'der Geist noch verdüftet. Der zweite Mann muss verloren sein, darauf sind wir

eh alle gefasst.

Vor allem löste aber Schiller der patriotischen Begeisterung die Zunge. Goethes Sache war es nicht, Kriegslieder zu schreiben und dabei zu Hause in der warmen Ofenecke zu sitzen; die guten Leute, die dies richtige Gefühl nicht hatten und sie waren recht zahlreich holten sich ihre Inspiration mit besonderer Vorliebe aus der Schillerschen Lyrik. Ich spreche natürlich nicht von den Arndt, Schenkendorf, Rückert, Körner, die eigene Töne fanden, sondern von der Menge der Namenlosen, der Gelegenheitsdichter. Man mustere ihre Erzeugnisse in den Zeitschriften jener Tage, und immer wieder wird man Schillersche Formen, Gedanken, Wendungen finden. DasLied an die Freude, dasReiterlied,Hektors Ab- schied, sie alle wurden der vaterländischen Erregung dienstbar 76). Frau Lolo aber konnte wiederum berichten, wie in den Strassen Weimars das Reiterlied erklang, wie alle Nationen zu ihr kamen, um das Dichterhaus zu sehen, wie Preussen, Livländer, Osterreicher mit ihr die Erzählung von Schillers letzten Tagen beweinten).

Dass man sich im Jahre 1813 nicht plötzlich auf Schiller als den Künder des natio- nalen Willens besann, dass er vielmehr schon in den Jahren der Not der machtvolle Prophet der neuen Gesinnung war, läge auf der Hand, auch wenn zeitgenössische Zeugnisse nicht vorhanden wären. Mit ihm regte sich, nach Steffens) Worten, eine nationale Poesie, undsie verwirklichte sich in den edelsten Gemütern durch ein sittlich nationales Rittertum, welches nicht bloss in einem leeren, halsstarrigen Trotze sich festhielt, vielmehr zur ent- schiedenen Tat sich aufgefordert und reif fand. Selbst der knorrige Turnvater Jahn*), für dessen etwas enge, fast banausische Auffassung vom Deutschtum zuviel Hellenismus in unserer klassischen Dichtung steckte, wollte diehöheren weissagerischen Dichtungen Schillers: die Jungfrau, den Wallenstein und Tell wenigstens vorläufig als volkstümlich gelten lassen, wenn er auch die eigentlich dem Volke gemässe Literatur erst von der Zukunft erwartete. Andern waren solche Verklausulierungen fremd: den Männern des Tugendbundes war Schiller