Aufsatz 
Schiller und das erste Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts
Entstehung
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auch Schiller gesessen hat. Der Jüngling, der von dem Verhältnis seines Wirtes zu Schiller nie etwas gehört hatte, bricht in Tränen aus; er muss bitten, seine Aufregung zu entschul- digen, da er sich so unerwartet von der Geistesnähe des Dichters berührt gefühlt hätte, in dem er sein Ideal verehrte. Vier Jahre später war derselbe Friedrich Förster mit seinen Kameraden vom Lützowschen Freikorps in der nebeligen Morgenfrühe eines Apriltages dabei, das Nachtquartier zu verlassen. Da bemerkt er in der Ecke eines Wagens im Mantel, eine Art Militärmütze auf dem Haupt, die Figur eines stattlichen Mannes in vorgerücktem Alter. Er erkennt den ihm persönlich bekannten Goethe. Von Försters Enthusiasmus fortgerissen, bringen die Lützower dem grossen Dichter ein Hoch, er selbst tritt an den Wagen heran und bittet Goethe um einen Waffensegen, ein Wunsch, der freundlich erfüllt wird. Soweit ist die Szene, die Förster in einem Brief ⁷⁰) an seine Schwester schildert, bekannt genug, weniger die Fortsetzung des Schreibens. Da heisst es:Mit verschiedenen Kameraden hatte ich während des Marsches noch einen lebhaften Streit über Goethe; sie hatten ihr Vivat nicht aus vollem Herzen mitgerufen und meinten, er sei ja doch kein Volksdichter, kein Dichter der Freiheit und des Vaterlandes. Förster, der zwei Jahre vorher mit den meisten seiner Altersgenossen nach seinem eigenen Ausdruck ⁷¹) noch mehrgeschillert hatte, verteidigte Goethe durch Hinweis aufEgmont,Götz,Hermann und Dorothea und fährt dann fort:Nur schade, dass du diesmal nicht Zeuge davon sein konntest, wie ich zur Beruhi- gung der Freunde, die keinen anderen Dichter als Schiller gelten lassen wollten, ,Frisch auf, Kameraden... anstimmte, worauf denn auch Schiller ein dreifaches Lebehoch aus- gebracht wurde.

Es war eben, nach Immermanns Wort, ²⁷) 6ein leidenschaftliches Liebesband, das die Jugend vor allem an Schiller fesselte. Kritik irgend welcher Art übten diese Jünglinge an ihrem Heros nicht, sie wussten nur: er war ihnen gemäss, während Goethe mehr ein Gott in unendlichem Abstand blieb.Unsere Begeisterung für ihn ging bis zur Andacht. Es war uns wunderbar, dass ein solcher Mann hatte sterben können. Das Bewusstsein, dass sein Tod erst vor wenigen Jahren erfolgt sei, schärfte noch die mythische Empfindung... So schritt uns Schiller als Schatten noch umher... In einer unserer Zusammenkünfte, etwa 1813, rief einer plötzlich:Wenn er noch lebte, wollte ich gern einen Finger meiner rechten Hand darum geben. Dieser Eifer blieb nicht ohne Nachahmung. Ein zweiter setzte die Hand, ein dritter beide Hände daran. Derartige Vorgänge lassen in jener Szene von Grabbes Napoleon, in der freiwillige Jäger am Vorabend von Waterloo Schiller ein dreifaches Hoch bringen, keine dichterische Fiktion, sondern poetische Widerspiegelung der Wirklichkeit sehen; in manchem Jägertornister mag ja auch dieJungfrau von Orléans oder derTell den Marsch nach Frankreich mitgemacht haben in jenem Jahr, da Zeune von den Nibelungen seineFeld- und Zeltausgabe veröffentlichte.

Es waren nicht bloss diese bestimmten Kreise der gebildeten Jugend, die in Schiller ihren Dichter sahen. Die kriegerische Erregung der ganzen Periode freute sich der ver- wandten Töne, die dieser Dichter anschlug. Das hatte sich schon 1805 und 1806 vor dem Kriege Preussens gegen Napoleon gezeigt.Das Theater mischte sich fortdauernd ein: Wallensteins Lager musste sich neue Kriegslieder gefallen lassen, Graf Dunois wurde

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