Aufsatz 
Schiller und das erste Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts
Entstehung
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ihr Dichter schlechtweg.Seine geschichtlichen Dramen kannten sie durchaus, und Marquis Posa wie Max waren ihre Muster, von Hirschfeld(ein Emissär des Bundes) deklamierte mir(Steffens) oft mit grossem Pathos ganze Stellen vor. Auf diese Weise liebten sie es, ihren Unternehmungen einen dichterisch romantischen Anstrich zu geben. ³⁰) Im besonderen mochte der soldatische Geist, der dem fast im Feldlager geborenen Sohn des wackeren Hauptmanns Schiller als Erbteil vom Vater her zugefallen war, Widerhall in den Kreisen finden, die wenig später das Volk in Waffen führen sollten. Da erholte sich im Früh- sommer des Jahres 1813 in Karlsbad ein preussischer Offizier von den Wunden, die er bei Bautzen erlitten hatte, und kam an der Wirtstafel ins Gespräch mit seinem ihm persön- lich unbekannten Nachbar. Zufällig äussert sich der Kriegsmann abfällig über denWerther. Auf die Bemerkung seines NachbarsDa gefallen Ihnendie Räuber von Schiller wohl besser, antwortet er:Allerdings; Schiller ist der Mann der Soldaten, er erweckt in der Brust uns den Mut und feuert die Seele zu Taten an. Erst später erfuhr der Rittmeister von Schwanenfeld, dass er mit Goethe gesprochen hatte. ¹¹)

Aber trotz dieser führenden Stellung in den Zeitbewegungen, trotz der Verehrung, die ihm so allgemein gezollt wurde, war doch schon damals Schillers literarische Geltung bedroht. Ein kleiner Kreis hochgebildeter Männer und Frauen hatte sich noch bei seinen Lebzeiten in scharfem Gegensatz zu ihm und seiner Dichtung gefühlt, und bald war aus den Konventikeln von Jena und Halle die Botschaft von einer neuen, tieferen Auffassung der Poesie auch zu den Fernstehenden gedrungen. Immerhin noch nicht gerade mit über- zeugender Kraft, wenigstens wenn man nicht auf die einzelnen begeisterten Proselyten, sondern auf den allgemeinen Zeitgeschmack blickt. Das änderte sich aber mit und nach den Freiheitskriegen. Auf die allgemeine Anspannung aller Willenskräfte folgte das Bedürfnis nach beschaulicher Ruhe, auf die Zeit der Revolution die der Restauration, und mit ihr stand vor den Toren die literarische Herrschaft der Romantik.