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1802 zum Wiener Repertoire, allerdings in etwelcher Verballhornung als„Johanna d'Arc“ mit sorgfältig gereinigtem Personenverzeichnis: aus Agnes Sorel war Maria, des Königs Gemahlin, aus Isabeau die Schwester des Königs geworden; der Bastard von Orléans hatte sich züchtig in einen Prinzen Louis, Vetter des Königs, verwandelt. Und bald wurde es denn auch mit den übrigen Dramen besser: noch im selben Jahre 1808 erweichte die Zensur ihren harten Sinn und erlaubte„Kabale und Liebe“,„Don Carlos“,„Phädra“ und die „Räuber“, letztere mussten sich allerdings auf das Theater an der Wien verfügen und er- schienen erst 1850 auf dem Burgtheater. Natürlich mussten sich auch jetzt noch die erlaubten Dramen Umänderungen gefallen lassen: der Präsident von Walter wurde Vicedom, sein Sohn sein Neffe, der Hofmarschall Kalb Obergarderobemeister, der Beichtvater Domingo hiess jetzt Don Antonio Perez, Höfling 6⁵).
Am sichersten können aber einige Zahlen davon überzeugen, dass jene zeitgenössischen Klagen übertrieben sind, Zahlen, die freilich bei der mangelnden Statistik der Bühnen- aufführungen jener Zeit mehr zufällig gefunden sind und lange nicht in so grossem Umfange beigebracht werden können, als wünschenswert wäre. Aber immerhin erlaubt es doch Schlüsse auf die Häufigkeit der Schilleraufführungen, wenn man z. B. feststellen kann, dass in Berlin ⁰⁶) inneunzehn Wochen, die zwischen dem 30. September 1810 und dem 21. April 1811 liegen— leider ist die Liste unvollständig— zwanzigmal Schiller auf dem Repertoire stand, dreimal aller- dings mit„Phädra“ und„Macbeth“, acht Abende gehörten der„Jungfrau von Orléans“, drei der„Maria Stuart“, zwei„Wilhelm Tell“, je einer den„Räubern“,„Piccolomini“,„Wallensteins Tod“ und der„Braut von Messina“. Noch deutlicher reden die Aufführungsziffern des Dresdener Hoftheaters*⁷) für die vierundzwanzig Jahre von 1789 bis 1813. Von den 1471 Vorstellungen dieser Jahre entfällt der Löwenanteil ganz selbstverständlich auf Iffland mit 143(etwa 10%) und Kotzebue mit 334(22 ½%); dagegen stehen die Klassiker weit zurück; aber während auf Goethe und Lessing in diesen zweieinhalb Jahrzehnten nur je 6 Vorstel- lungen fielen, brachte es Schiller auf 46(„Fiesko“,„Kabale und Liebe“,„Don Carlos“, „Die Braut von Messina“ wurden je viermal aufgeführt,„Wallenstein“ fünfmal,„Maria Stuart“ sechsmal,„Die Jungfrau von Orléans“ zehnmal,„Wilhelm Tell“ zweimal,„Phädra“ und „Macbeth“ je dreimal,„Turandot“ einmal). Diese Ziffern zeigen denn auch schon eine Er- scheinung, die in den folgenden Jahrzehnten noch stärker hervortritt: während der literarische Geschmack, wie schon erwähnt, gewöhnlich„Don Carlos“ von allen Schillerschen Dramen am höchsten stellte, gehörte die Vorliebe der Schauspieler und des Publikums der„Jungfrau von Orléans“ und„Maria Stuart“; kein Wunder auch, sind doch diese beiden Dramen, ab- gesehen von den als„roh“ verschrieenen Jugendwerken die theatralisch geschlossensten. Boten sie doch auch, was bei dem Theaterenthusiasmus der folgenden Zeit viel sagen wollte, den Damen sehr wirksame Rollen, und dann gab die„Jungfrau von Orléans“ wenigstens reichlich Gelegenheit zur Entfaltung szenischen Pompes, der die Schaulustigen nicht wenig lockte; ein„prachtvoller, kolorierter Kupferstich“ aus dem Jahre 1806, den Krõnungszug darstellend, kann mittelbar dafür Zeugnis ablegen. ¹⁸)
Aber nicht nur aus diesen Gründen war zwischen 1806 und 1813 die„Jungfrau von Orléans“ die meistaufgeführte Tragödie. Hier ist der Ort, davon zu reden, wie in


