Aufsatz 
Schiller und das erste Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts
Entstehung
Einzelbild herunterladen

23

Für die Musik war weniger zu tun übrig gelassen: schon zu seinen Lebzeiten hatte Schiller seine Komponisten gefunden, und was die Zumsteeg, Reichardt und andere ge- leistet hatten, war doch in seiner Art trefflich und jedenfalls zweckentsprechend: es machte einige der lyrischen Dichtungen zum Gemeingut der Deutschen. Vor allem war es da das Lied an die Freude, in dem die kosmopolitisch-human gestimmte Zeit ihren echten Aus- druck fand, oft genug war es an der Jahrhundertwende bei den Säkularfeiern ⁴⁵) crklungen, und es verstummte auch nicht im Jahrzehnt nach Schillers Tod. Dann war dasReiterlied populär, besonders in Zeiten kriegerischer Erregung, und daran fehlte es ja nicht, aber auch Des Mädchens Klage, derJüngling am Bache waren beliebt.

Nun ist die Zahl derjenigen Gedichte Schillers, die zur Komposition herausfordern, durchaus nicht gross; um so bezeichnender wird man es finden dürfen, dass auch allerhand komponiert wurde, was des musikalischen Schmuckes besser entbehrte. Schillers Balladen in Musik erscheinen uns heute garnicht recht glaublich, auch wenn man vielfach nur an melo- dramatisch behandelte Deklamation zu denken haben wird. Aber Zelters Komposition des Taucher fand sogar des Dichters eigenen Beifall4⁰), und an Nachfolgern hat es ihm nicht gefehlt, er selbst hat noch denHandschuh und denKampf mit dem Drachen in Musik gesetzt,Bürgschaft,Ritter Toggenburg undTaucher fanden sich zwanzig Jahre später sogar in Franz Schuberts Nachlass. Auch die Dramen mit ihren Prunkstücken der Dekla- mation lockten; man hielt sich natürlich besonders gern an solche Stellen, die sich durch lyrischen Schwung, wohl auch schon strophische Form, aus dem Gefüge des Dramas ab- hoben. So komponierte ReichardtFünf Monologe von Schiller(aus derBraut von Messina, derJungfrau von Orléans und derMaria Stuart), und in geringerem Masse taten andere wie Romberg, C. Schulz, Wollank, Weber(nicht Karl Maria, sondern ein Kapellmeister der Berliner Oper) und Zumsteeg dasselbe. Erwähnt sei auch noch, dass fast zu allen Dramen Ouvertüren und Zwischenaktsmusiken vorhanden waren, besonders jener Berliner Weber wird da als Komponist genannt.

Um 1800 herum soll sich die Hauptmasse dieser Kompositionen gruppieren der Catalogue raisonné, den ihr Bibliograph ⁴⁷) versprach, ist leider nur für die zu den Dramen gehörige Musik von anderer Hand ¹⁸) geliefert worden; doch traten in den ersten Jahrzehnten immer noch neue hinzu, und wenn auch gerade in den auf den Tod folgenden Jahren kaum etwas Hervorragendes geleistet worden ist, wenn die Harder, Seidel, von denen die An- zeigen in den Intelligenzblättern zumFreimütigen berichten, mitsamt ibren Werken ver- schollen sind, als ein Ausfluss der Verehrung für den Dichter sind sie geschichtlich wenigstens erwähnenswert.

Es ist schon gesagt worden, dass die Schauspielkunst besonders dazu berufen war, das Andenken an den grossen Dramatiker wachzuhalten; zur Erfüllung dieser Aufgabe wuchs sie freilich erst allmählich heran, und ob sie sie lange erfüllt hat, ist manchem zweifelhaft ge- wesen. Allgemein bekannt ist, dass unsere Klassiker sich ihre Schauspieler erst heranziehen mussten: Verse waren auf der Bühne seit langer Zeit nicht gesprochen worden und er- schienen gar manchem wackern Mimen als sehr überflüssige Neuerung. So erlaubte man sich denn z. B. in Leipzig getrosten MutesDon Carlos in Prosa aufzulösen und seine