Aufsatz 
Schiller und das erste Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts
Entstehung
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Schwaldopler schöpfte nach eigener Angabe aus Gruber, der wie Oemler mit persönlichen Beziehungen prunkte. Etwas besser Bescheid wusste er auch über die Unmittelbarkeit seines Wissens hat allerdings Minor ²⁴) gelegentlich recht erheiternden Aufschluss gegeben aber es wimmelte doch immer noch bei ihm von groben Irrtümern, abgeschen davon, dass er von einigen der wichtigsten Ereignisse in des Dichters Leben garnichts wusste. Indessen die Hauptsache ist bei beiden eben nicht das Biographische, sondern die Würdigung der Werke, und da kann man ihnen nachsagen, dass sie zwar nicht in die Tiefe dringen, aber doch auch gerade nichts Unverständiges sagen; allerdings lohnte sich wiederum die Veröffentlichung ihrer Bemerkungen in Buchform wahrhaftig nicht. Gruber gibt eine allgemeine UÜbersicht über des Dichters Geistesentwicklung, in der er die vier Perioden des Naturalismus, der welthistorischen Ansicht, der Philosophie und Kritik(seit 1790) und der Vollendung(Seit 1800) unterscheidet. Das rastlose Streben nach immer höherer Vollkommenheit, des Dichters Charakterzug, habe ihn bis zu der Stufe geführt, da er den Ausdruck seines Ideals in den Asthetischen Briefen und inIdeal und Leben niederlegte. Schon die Wertschätzung dieser beiden Werke, eine Seltenheit damals, kann für Gruber einnehmen, freilich bleibt, was er sagt, sehr im Allgemeinen stecken, vor allem fehlt die Anwendung auf die einzelnen Kunstwerke gänz- lich. Schwaldopler wollte mehr bieten, aber seine Kräfte waren überall unzureichend, wo es sich um mehr handelte als um Inhaltsangaben und Einzelkritik. Und auch die geht nicht gerade tief: nach ziemlich allgemeinen Phrasen über das einzelne Drama pffegt er die Charaktere zu mustern, aber nicht als dramatische Schöpfungen, sondern als mehr oder weniger sym- pathische Menschenbilder, und einzelne Szenen als besonders gelungen hervorzuheben. Mühe gab er sich: nach dem Dramatiker wird der Lehrdichter, dann der Lyriker behandelt, und zwar in derselben Weise: einzelne hervorragende Gedichte werden angeführt und ihr Inhalt angegeben fehlt leider nur das geistige Band. 1

Bei alledem ist Schwaldopler interessant, weil sein Urteil tatsächlich typisch ist. So wie er die einzelnen Werke einschätzt, so mögen sie von der breiten Masse des gebildeten Publikums beurteilt worden sein; es ist kaum ein Zufall, dass dieGöttingischen gelehrten Anzeigen, Bouterwek, sowie die beiden gleich noch zu besprechenden Bücher mit ihm im wesentlichen übereinstimmen. Als Krone der Schillerschen Dichtung erschienen der Zeit eigentlichDon Carlos und dannWilhelm Tell; die Jugenddramen wurden gewöhnlich als Ausschweifungen des unreifen Talentes angesehen, die dem gebildeten Geschmack wider- streben müssten, bei den meisten Dramen der Reifezeit aber fühlte man sich nicht recht wohl: das Schicksal imWallenstein und derBraut von Messina, das Mystisch-Wunderbare in derJungfrau von Orléans, das alles erschien fast als ein Frevel am Zeitgeist. So spricht denn Bouterwek von derKünstelei, der Göttingische Kritiker ³⁰) von dem Sinken, das Schillers Kunst nach demDon Carlos zeige, Schwaldopler ³⁷) meint noch deutlicher,zu weit ist unsere Kultur, unsere Philosophie vorgerückt, als dass es uns nicht empören sollte, wieder unter die Macht des blinden Fatums zu geben, was wir wenigstens zum Teil als freies Eigentum errungen haben. Man sieht, um was es sich handelt: die Bildung der Aufklärungszeit, die all diese Männer noch beherrschte, hielt fest an ihren Idealen, und denen