Aufsatz 
Schiller und das erste Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

seinem späteren Leben nebst Bruchstücken einer künftigen Biographic desselben nannte. Der würdige Mann spielte sich als vertrauter Freund seines Helden auf und benutzte diese Fiktion, um von Schillers Leben in Jena und Weimar allerhand Einzelheiten zu erzählen, die mit angeblich authentischen Aussprüchen des Dichters aufgeputzt wurden. Nun wusste Oemler von seinem Gegenstande nicht mehr als andere Leute, aus zweitem oder drittem Munde mag ihm dieses und jenes mitgeteilt worden sein, im wesentlichen war er auf seine eigene Phantasie angewiesen. Die war nun zweifellos recht blühend, dafür aber desto seichter: so kommt es denn, dass er in unleidlich selbstgefälliger Weise seinem Publikum die gräss- lichsten Plattheiten und Allgemeinheiten auftischt und sich doch dabei auf Schritt und Tritt blossstellt. Trotzdem ist seine Arbeit für uns recht interessant; er schildert Schiller, wie man ihn haben wollte, und leider Gottes hat sich dieses Schillerbild in seinen haupsächlichsten Zügen lange als schier unausrottbar erwiesen. ²⁵) Der Dichter des Ideals wurde schon hier zum weltunkundigen Träumer verzerrt:er bekümmerte sich viel zu wenig um das, was ausser ihm war. Immer mit seinem Geiste, mit seinen Werken beschäftigt, nahm er zu wenigen Anteil an der gewöhnlichen Welt. Schon früher hatte man im NXenienstreite in Schiller gern den Verführten gesehen; Oemler bestätigt diese sehr irrige Auffassung, indem er tut, als ob er ganz genau mit der Verfasserschaft des gemeinsamen Werkes Bescheid wisse, aber aus Diskretion nichts sagen wolle.Nur soviel: dass Schiller nicht der alleinige Verfasser der Xenien war, an ihrer Verfertigung den wenigsten Anteil hatte, und ihm diese Dichtungsart nie eingefallen wäre, hätten nicht gewisse grosse und bekannte Männer den Stoff dazu gegeben. Soweit könnte man den Autor schliesslich noch entschuldigen, er gab in seiner Weise wieder, was verbreitete Auffassung war; aber damit war wohl der Band nicht zu füllen, und nun zeigte es sich, dass Oemler nicht umsonst der Sohn einer weiner- lichen Zeit war. Aus dem Willensmenschen Schiller wurde unter seinen Händen der edle Schiller in seiner schlimmsten Gestalt: ein sentimentaler Tränenheld. Man höre:Ich lebe gern im Frieden! sagte er oft. ‚Ich kann niemand beleidigen! erklärte er immer, wenn er hörte, dass jemand beleidigt und gekränkt worden war. Oder vielleicht die köst- lichste Perle: der Brief einesAugenzeugen über die Art, wie Schiller Klopstocks Tod er- fahren und aufgenommen hätte:Er ging an das eine vom gegenüberstehenden Monde er- leuchtete Fenster, sprach mit einem Ausdrucke, den ich nicht zu nennen vermag: Deinem Andenken diese Träne, und sang nach einer langen stillen Pause mit einem Tone, der mein Innerstes erbebte, diese Verse aus Klopstocks bekannter Ode ‚Wie sie so sanft ruhen...

Das geistverlassene Machwerk blieb schon damals nicht ohne die verdiente Zurecht- weisung; derFreimütige ²³) spotteteWie malt sich die Welt in das Auge eines Insekts? Welche Vorstellung von ihr entsteht z. B. im Hirn einer Fliege?, er hatte sogar allem An- schein nach das Verdienst, den einen und anderen Jugendfreund Schillers mit zur Veröffent- lichung seiner Erinnerungen anzuregen, leider aber waren die Petersen und Cona ²⁷) teils zu unbedeutend, teils dem Dichter nicht vertraut genug, um viel Wertvolles beibringen zu können. Jedenfalls hinderte das alles nicht Oemlers Erfolg: er war so gross, dass er im folgenden Jahr ein zweites Opus veröffentlichen konnte:Schiller der Jüngling oder Szenen und Charakterzüge aus seinem früheren Leben, ²s) und damit lieferte er denn sein Meister-