Aufsatz 
Schiller und das erste Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts
Entstehung
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kurzweg mit der Bemerkung abgetan wurde, dass das Grübeln über ästhetischen Kunst- problemen dem Künstler Schiller nur geschadet habe. Und war es viel besser, wenn die (Hallische)Allgemeine Literaturzeitung ²¹) zwar sehr gründlich untersuchen wollte, ob der Dichter die theoretisch aufgestellte Auffassung des Tragischen denn praktisch befolgte, dabei aber Schillers Auffassung vom Tragischen ausschliesslich nach zwei Abhandlungen:(Uber den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen,Uber die tragische Kunst) darstellte, die schon 1792 in der Thalia erschienen, also vor der Durcharbeitung Kants und der durch sie bewirkten inneren Umwälzung entstanden waren? Dabei scheint dieser Artikel den Zeitgenossen noch als besonders belehrend aufgefallen zu sein, wenigstens, wenn man aus dem Umstande schliessen darf, dass er, wie unten noch näher zu erläutern, weidlich ausgeschrieben wurde. Jedenfalls hatte er den Vorzug leichterer Fasslichkeit vor dem ent- sprechenden Artikel derLeipziger Literaturzeitung, ²²) der mir alles in allem der gehaltvollste dieser zeitgenössischen Nachrufe zu sein scheint.

Sein Verfasser hat auf Gehör entschieden Anspruch; sein Name, Friedrich Bouterwek, hat in der Geschichte der deutschen Wissenschaft guten Klang, als Verfasser einer der ersten nachkantischen Asthetiken(1806) ist er überdies der Vertreter der gestrengen Fachgelehr- samkeit und also bei einem Dichter, in dessen Wirken die Poesie mit der Philosophie in so engem Bunde steht, noch besonders zuständig. Man spürt dann auch in diesem Aufsat⸗z Uber Schillers Genie und Schriften den spekulativen Philosophen im Guten und Verfehlten deutlich genug. Im Guten: er hat den Blick für die grossen Zusammenhänge dieser Poesie: die Welt lag vor ihm als ein Ganzes. Sein Blick fiel in die innersten Tiefen des Gemüts. Die Aufgaben des menschlichen Daseins schwebten ihm wie dem Philosophen in ihrem ganzen Umfange vor. So wurde denn seine Pocsie einephilosophische Idealpoesie, nicht durch ihre Sentenzen, sondern alslebendiger Ausdruck des Höchsten und Ursprünglichsten im menschlichen Geiste. Und nun betont Bouterwek sehr glücklich man vergleiche damit die Ausführungen eines so modernen Asthetikers wie Kühnemann ²³) dass schon der junge Schiller diese grossartige Auffassung besass:die Räuber sind wahrlich sehr ver- schieden vom griechischen Trauerspiel, aberder philosophische Uberblick des ganzen menschlichen Lebens ist bei Sophokles und Schiller derselbe, und schondie Räuber erheben sich in ihren grotesken Formen hoch über die Partialität, die nur besondere Situationen aus dem Ganzen des Lebens herausreisst. Auf solcher Höhe bleibt denn freilich Bouterwek nicht: er scheiterte, wie so mancher nach ihm, amWallenstein. Er überschätzt die Wichtigkeit des astrologischen Motivs; nach ihm hätte Schiller den Aberglauben zu Hilfe gerufen, um die Abhängigkeit des Willens vom Schicksale auf eine individuelle Art anschau- lich zu machen. Und nun fährt er fort:die Darstellung misslang; denn es war ein selt- samer Fehlgriff, die Sterne, an deren unfehlbare Einflüsse dieser Wallenstein glaubt, blosse Sterne bleiben, und den grossen Mann nicht als ein heroisches Opfer der Ubergewalt himm- lischer Mächte fallen zu lassen, sondern zu zeigen, wie er, von seinem eigenen Aberglauben betrogen, zögerte, strauchelte und durch seine Schuld sank. Das ist doch so schief wie möglich: Wallensteins astrologische Theorien sind das genial benutzte Mittel, seine mystisch tiefe Welt- und Lebensauffassung anschaulich zu machen; die Sterne bestimmen nicht sein