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Lauchstädt zum ersten Male gesprochen, trat in diese Lücke ein, und seine wunderbaren Stanzen sind denn zu allen Zeiten das Schönste und Tiefste geblieben, was je in poetischer Form über den grossen Gegenstand gesagt worden ist: im Vergleich mit diesem so knappen und dabei so eindrucksvollen Bilde des Menschen und Dichters wird die kahle Allgemeinheit und gutgemeinte Phrasenhaftigkeit der anderen Nachrufsgedichte fast peinlich fühlbar. Wieder und wieder sind seit jenen Tagen diese Goethischen Verse zitiert worden, die der schönste Ruhmestitel des Todesjahres und der Totenfeier sind; sie sind wie ein Wächter und Ver- teidiger des Schillerschen Ruhmes gewesen, sie haben die grossen Linien seines Bildes der Nachwelt umrissen, 1859 wie 1905 ist wohl keiner der Redner des Tages ohne sie aus- gekommen.
Freilich, der Epilog gab das Bild Schillers wieder, wie es dem grössten Geiste der Nation erschien; fassbar konnte es zunächst nur denen werden, die dieses Geistes einen Hauch verspürt hatten, der Durchschnittsleser oder-hörer mochte sich wohler bei der alltäglichen Ware befinden. Welche Bildungsarbeit da noch zu leisten war, zeigt wieder das Verhalten des„Freimütigen“. Selbst wenn man den Hass beider Herausgeber gegen Goethe in Rech- nung zieht, sie müssen förmlich mit Blindheit geschlagen gewesen sein. Allerhand gut gemeinte, aber höchst mittelmässige Gedichte ¹⁷), die den toten Dichter feiern sollten, wurden wohlgefällig abgedruckt, der Epilog war nur Gegenstand der Kritik. Und was für einer! Zunächst wird wenig wohlwollend auf den ersten Abdruck verwiesen, der die Leser instand- setze, selbst darüber zu urteilen,„ob dieser vielbesprochene Epilog die Vorwürfe verdiene, die ihm hier und da gemacht würden“; dann muss die„unbestochene Kritik“ beklagen, dass der Dichter(Goethe) sich gerade diese Fesseln anlegte, die er nicht immer mit Grazie trüge, immerhin werden einzelne„gehaltreiche, unvergessliche Worte“ anerkannt. Schliesslich aber wurde das Gedicht von Kotzebue selbst zum Ziel eines unsäglich plumpen Angriffes gemacht: an dem Wunderwerk deutscher Sprache bewies der Verfasser von„Menschenhass und Reue“ klärlich,„dass Herr von Goethe kein Deutsch verstehe.“ ¹⁸)
Es wäre unter diesen Umständen wohl wünschenswert gewesen, dass irgend jemand von denen, die Schiller im Leben nahegestanden hatten, schon damals dem Dichter ein biographisches Denkmal gesetzt hätte, ein Führer zum intimeren Verständnis des Toten geworden wäre. An den geeigneten Persönlichkeiten fehlte es wahrlich nieht— das sollte die Folge zeigen— aber die Wunde war wohl noch zu frisch, noch schwiegen die Körner, Humboldt, Wolzogen. Den Journalartikeln wird man das Bemühen, dem Dichter gerecht zu werden, nicht absprechen; es findet sich da auch manch schönes Wort, so wenn Klingemann in der Leipziger„Eleganten Zeitung“ ¹⁹) für den Dichter die„Exequien eines Kämpfers“ fordert,„denn er starb im Kampfe für das Erhabenste, wonach die Menschheit ringt, auf dem Bette der Ehre“, doch es waren eben Journalartikel, für den Tag bestimmt, an Umfang beschränkt. Die gelehrten Zeitschriften suchten tiefer zu dringen, aber wie unsicher war doch noch das ästhetische Urteil, wenn die„Göttingischen gelehrten Anzeigen“¹²⁰⁹) im „Don Carlos“ die Krone aller Schillerschen Poesie, im„Wallenstein“ und den folgenden Dramen nur ein Herabsinken von dieser Höhe sahen; wie leichtsinnig wurde über das Ge- samtwerk des Künstlers abgeurteilt, wenn, an derselben Stelle, die heisse Arbeit langer Jahre


