Aufsatz 
Schiller und das erste Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts
Entstehung
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kurzem gestorben. ¹) Dem Knaben aber, er hiess Leopold Ranke, blieb der Eindruck sein Lebenlang. Nach den Erinnerungen des Schauspielers Anschütz²) hätte die Hiobspost vom Tode des Dichters jeden, der an Literatur und Kunst ein näheres Interesse nahm, wie ein Keulenschlag betäubt. Fast jedes Haus trauerte, als hätte die Familie einen Sohn, einen Bruder verloren. Dankbar erzählt die Witwe, wie ihr Schmerz eine Linderung fand in der allgemeinen Teilnahme: die Offiziere der 1806 durchmarschierenden Regimenter näherten sich ihr ehrerbietig; ein Major vom Regiment Braunfels liess, als er mit seinem Bataillon an ihrem Hause vorbeizog, den Wallenstein-Marsch spielen. ³)

Man hatte eben allgemein das Gefühl eines nationalen Verlustes. Unter denen, die Charlotte von Schiller ihr Beileid aussprachen, fehlten nicht die Höchsten der Nation wie die Grossfürstin Marie, Kronprinz Ludwig von Bayern und die Königin Luise¹); einer ihrer politischen Führer aber, Friedrich von Gentzo), sprach sicher das allgemeine Gefühl aus, als er Schillers und Goethes Bedeutung für ihr Volk also aneinander mass: Wäre die Frage, was für Deutschlands bestes Interesse ungünstiger gewesen wäre, dass kein Goethe oder dass kein Schiller überhaupt gelebt hätte, so entscheide ich mich für das erste. Wenn ich aber dann zu wählen gehabt hätte, wer jetzt lieber sterben sollte Gott verzeihe es mir! ich würde nicht so gewählt haben als Er. Goethe hat sein Bestes getan, seine Laufbahn ist im Ganzen vollendet; aber Schiller hatte noch eine ganz neue zu betreten, und in dieser, das weiss ich, hätte er etwas Unendliches gewirkt.

So klingt es denn auch aus den verbreitetsten Zeitschriften wieder: die Mäkeleien verstummen vor dem Bewusstsein, dass der herbste Verlust das deutsche Volk getroffen hatte, der ihm bereitet werden konnte. In diesem Toten betrauerte manden Sohn der Zeit und ihren Schöpfer, den echtesten Vertreter der Bildung der ganzen Epoche, denn Goethe gehöre seinem Genie nach weder einer bestimmten Zeit noch einem bestimmten Volke an. So sei er denn auch seinem ganzen Zeitalter gestorben, zu früh, um die Hoffnungen, die auf ihn gesetzt wurden, zu erfüllen. ²) Gerade darin wollte derFreimütige übrigens einen Milderungsgrund für die allgemeine Trauer finden: Schiller habe sein natürliches Ziel, das kein Gott, kein Arzt ändern konnte, erreicht, und er sei doch in der reichsten Blüte seiner Tätigkeit dahingegangen.)

Aber noch einen besseren Beweis gibt es dafür, dass die Zeit ihres grossen Dichters doch nicht unwürdig war, einen besseren Beweis als Journalartikel und Briefstellen: man war willens, seinen Dank auch durch die Tat zu bekunden. Viele waren davon unter- richtet, dass Schiller seiner Witwe und den vier unversorgten Kindern, die seinen Namen trugen, kein Vermögen hinterlassen hatte: der Gedanke an sie mochte dem Sterbenden seine letzten Stunden noch erschwert haben. Da trat nun Zacharias Becker, einst Erzieher Karolinens von Humboldt und als solcher auch den Schwestern Lengefeld wohl be- kannt, jetzt als rühriger Volksschriftsteller und Herausgeber des GothaischenReichsanzeigers tätig, mit dem Gedanken vor, den Dank der Nation dem Dichter durch ein Denkmal ab- zustatten, das seinem Namen zu errichten sei. An Stein oder Erz neben einer der Witwe zur Verfügung zu stellenden Summe dachte man zunächst; schon damals hoffte Marbach auf ein Schillerdenkmal, und wie verbreitet der Gedanke war, zeigt, dass sich