Schriftsteller. Herder, einst der„Humanus“ Goethes, stand in bitterem Missmute beiseite und sah nur Verirrungen, verhängnisvolles Abweichen von des Aristoteles ewigen Regeln, wo neues, eigenes Leben blühte. Öffentlich protestierte er durch seine eigenen Dramen, die er in der„Adrastea“ erscheinen liess: Muster besseren Geschmackes sollten sie sein und waren doch so ganz alles dessen bar, was das Drama zum Drama macht; im vertrauten Briefwechsel aber schüttete er den ganzen Groll seiner verbitterten Seele aus, und Frau„Elektra“, doch wohl das Echo ihres Gatten, sekundierte ihm. Er klagte über all das„Theater und theatralische Werk und Wesen“, dem er„schon in der heiligen Taufe entsagt“ habe, sie aber, die tem- peramentvolle, sprach von dem„Schillerschen Irrlicht“, mit seinem„Klingklang und Bombast.“ Ihr Korrespondent, der wackere Vater Gleim, der einst so manches Halb- und Viertels- talentehen emporgelobt hatte, stimmte munter ein: er las„Wallensteins Lager“ und fand nur höchst überflüssiges„Spektakul“.„Ob ich mir das ganze Stück werde vorlesen lassen? Ich glaube nein, ich fürchte mehr solch Spektakul“. ²⁰)
Auf der andern Seite stand eine Gruppe der Jugend, welche die Schillersche Kunst schon überholt glaubte, aber das war, wie nachdrücklich hervorzuheben ist, vorläufig nur eine recht kleine Gruppe von„Astheten“, wie wir heute sagen würden. Im wesentlichen stand gerade die Jugend hinter Schiller: jugendlicher Enthusiasmus hatte einst den Dichter der„Luise Millerin“ auf den Schild erhoben, aller kritischen Weisheit zum Trotz, hätte doch der junge Zelter ²¹) am liebsten den Verfasser der berüchtigten Rezension in der„Vossischen Zeitung“ totgeschlagen; jugendlicher Enthusiasmus hat vor allem auch den Dichter dem deutschen Volke gerettet; was wäre aus ihm geworden ohne jenen Brief des Leipziger Freundeskreises!
Die Jahre vergingen, der Dichter der„Räuber“ schlug neue Wege ein, aber das Verhältnis der Jugend zu ihm änderte sich nicht. Früh wurde man gewöhnlich schon mit seinen Dichtungen bekannt, zwar nicht durch die Schule, denn deren Lehrziele sahen Be- schäftigung mit deutscher Sprache oder gar Poesie als nicht viel besser denn Allotria an, aber doch sehr häufig noch auf der Schule, wenigstens wenn sie in geistig regsamem Lande lag. Im katholischen Deutschland sah es da allerdings meistens noch recht übel aus. Wenn Heinrich von Kleist ²²) im Jahre 1800 in den Würzburger Leihbibliotheken noch nichts von Schiller oder Goethe auftreiben konnte, wenn, als Schiller am neunten Mai 1805 starb, kein Ton des„nationalen Requiems“ in die Klassen des Fuldaischen Gymnasiumsz²) drang, so lässt das vermuten, dass Schiller der Jugend dieser Landstriche auf dem Gymnasium noch fremd blieb. Sonst aber erzwang er sich häufig den Eingang in die Schule, mochten die Wege auch manchmal so seltsam sein, wie in Schulpforta, ²4) wo der für den Dichter be- geisterte Tertius Lange den Schülern Stellen aus seinen Werken zu Übersetzungsübungen diktierte. Manchmal brachte auch ein Schüler aus dem elterlichen Hause ein Exemplar eines Schillerschen Dramas mit, es wurde vorgelesen, kursierte auch wohl von Hand zu Hand. So lernte Leopold Ranke auf der Klosterschule Donndorf ²⁵) zum erstenmal ein Drama Schillers(„Wallensteins Lager“) kennen, so schmuggelte der spätere grosse Schauspieler Heinrich Anschütz den„Wallenstein“, die„Maria Stuart“, die„Jungfrau von Orléans“ auf der Fürstenschule Grimma ein und las sie den Freunden vor. Dass das heimlich


