Aufsatz 
Schiller und das erste Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts
Entstehung
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verfehlt, aber die kühnste, erhabenste Unternehmung als romantischehistorisches Charakterstück und alsdialogisierte Epopöe ein Meisterstück. BeimTell endlich hört sogar das Mäkeln auf: jetzt habe sich der Dichter vom falschen Wege abgewandt, Tell sei das vollendetste Kunstwerk, das er je geschaffen. Was keine der Tragödien vermochte, jetzt ist es erreicht: Garlieb Merkel erklärt sich für enthusiasmiert. 15)

Bereitwilliger, als es die Kritik tat, war man im Publikum dem Dichter entgegen- gekommen, vor allem erzwang der Gewaltige sich doch von seinem eigensten Reiche, der Bühne her, sein Recht. Die Huldigungen, die man ihm in Leipzig bei einer von ihm be- suchten Aufführung derJungfrau von Orléans erwies, diejenigen, die ihm Berlin während seines dortigen Aufenthaltes bereitete, sprechen eine deutliche Sprache; wenn man bedenkt, dass im Theaterpublikum damals ganz anders als heute die geistige Elite überwog, wird man diesen in jener Zeit unerhörten Jubel als Beweis dafür in Anspruch nehmen, dass das deutsche Volk in seinen die Kunst geniessenden Kreisen Friedrich Schiller von Kotzebue und dem Dichter Iffland gar wohl zu unterscheiden wusste, nie haben diese so den Trank des Ruhmes gekostet..

Freilich darf man trotzdem nicht glauben, dass schon das ganze Volk in Schiller seinen Dichter sah: ihm fern standen in grösserer Anzahl noch diejenigen, die hinter dem Geschmack der Zeit zurückgeblieben und die ihm vorausgeeilt waren. Die ersten waren gerade in den gesellschaftlich am höchsten stehenden Schichten recht zahlreich: da war mit der französischen Bildung auch der französische Geschmack noch nicht erloschen.

Wenn schon Karl August, der mit dem Dichter desGötz jung gewesen war, persönlich die französische Tragédie bei weitem demWallenstein und derJungfrau vorzog, wie mochte es da erst anderswo aussehen! Jedenfalls langweilte man sich in aller- höchsten Kreisen manchmal bei Schiller recht herzhaft: noch heute können uns Henriette von Knebel und ihrPrinzesschen, Karl Augusts Tochter Luise Karoline, leid tun: der Hofdame ging es wie Polonius, ihr war alleszu lang,Schillers Schwere wurde ihr nach und nach unerträglich; sie findet, er sei für das Tragische geboren,da er die Menschen so quälen kann, und fügt hinzu:Ich kann es ihm nie vergeben, wie er mich schon gemartert hat; Prinzesschen hatte wohl besseren Willen, sie freute sich rechtschaffen auf die erste Aufführung desWilhelm Tell, aber Henriette konnte auch von ihr schreiben:die heissen fünf Stunden haben sie doch auch mürbe und kleinlaut gemacht. ¹⁰)

Ausserdem spukte gerade in diesen Kreisen immer noch die Erinnerung an Schillers Räuber: Eckermannl¹*) hat jenen Fürsten es war allerdings ein Russe berühmt gemacht, der Goethe anvertraute, wäre er der liebe Gott, er hätte die Welt unerschaffen gelassen, hätte er vorausgewusst, dass in ihr dieses verworfene Drama geschrieben werden würde. Ein merkwürdiger Kauz muss auch dergelehrte Baron Hans Edler von Putlitz auf Pankow in der Priegnitz gewesen sein, der feierlich erklärte:Wer die Räuber schreiben konnte, mit dem möcht' ich nicht allein durch den Wald gehen!" ¹⁸); als einewahre Mordschule erschien das brausende Drama einem andern französischen Aristokraten¹⁹), der es an der fernsten Ostgrenze der deutschen Sprache, in Temesvar, auf der Bühne sah.

Hinter der Zeit zurückgeblieben war auch schon die ältere Generation der deutschen