sich zu Mord und Totschlag von Gott berufen glaubt, die, ihrem Geschlecht, ihrer Be- stimmung untreu, uneingedenk des schönsten Segens, den Gott einst über Adam und Eva aussprach, sich lächerlicher Weise einbildet, sie werde ihm als ein Bascha von drei Ross- schweifen lieber sein, als wenn die Jungfrau Frau und Mutter würde— eine solche mit einer zerrütteten Phantasie, mit fixen Ideen behaftete, von der Natur verwahrlosete, ent- weibte, entmenschte, jetzt kannibalische, jetzt empfindelnde, viraginische, abgeschmackte Karikatur???“ So steht es im„Freimütigen“ ¹²) zu lesen und lieblich klingt es; die Rezension im Ganzen jedoch— es ist die schon oben angeführte Reichardtsche— zeigt zwar be- trübende Verständnislosigkeit, aber immerhin keine Feindschaft gegen Schiller. Da sah es mit Goethe ganz anders aus: der war von der Berliner Aufklärung mit dem grossen Anathema belegt und kam bei einem Vergleiche mit Schiller regelmässig schlecht weg. Garlieb Merkel stellt einmal ¹³)„ beide zusammen: bei Schiller findet er Adel der Form, bei Goethe Vernachlässigung und Fehlerhaftigkeit, bei jenem hohen Schwung der Gedanken, bei diesem Plattheit, bei jenem Adel der Sitte, bei diesem das Gegenteil. Ein andermal ¹⁴) schildert er eine Vision: Apoll hält Gericht ab über die Bewohner des deutschen Parnass. Der arme Goethe! Dem Reiher wird er verglichen, der bald hoch durch die Luft braust, bald über die Flur hinschreitet, bald im Sumpfe watet, und zürnend fällt des Gottes Blick auf den prächtigen Purpurmantel des Dichters.„Dies Prunkgewand erinnert, dass noch etwas Höheres da sei, was Du gern schienest und nie wirst. Wenige meiner Lieblinge der alten Zeit und der neuen rüstete ich zur Unsterblichkeit wie dich.... Glaubest Du, prächtiger Reiger, dass es Dich ehre, König der Frösche zu heissen? Des Pöbels Huldigung schmähet!“ Zu Schiller aber spricht der Gott:„Zu den Edelsten meiner Geweihten gehörst Du. Zu ihren Gaben verlieh ich die seltnere Dir, nie mit Deinen Werken zufrieden zu sein und so jeden Tag des Beifalls der spätesten Nachwelt gewisser zu werden.“ Darauf dann natürlich die unvermeidliche Mäkelei am Einzelnen:„Aber, was dünkt Dich, Melpomene, wenn Dein Liebling die Gleichnisse und Idyllen aus seinen Trauerspielen wegstriche und künftig die Leidenschaften nicht malte, sondern sprechen liesse?“
Wenn nun auch das Lob Klopstocks, Wielands und Herders viel reiner erklingt, wenn gar Kotzebue— sein Genie rührt die zartesten Saiten des menschlichen Herzens meisterhaft— in unmittelbarste Nähe unseres Dichters gerückt erscheint, so zeigen doch diese Proben deutlich genug die Stellung der rationalistischen Kritik zu Schiller: sie kehrte gegen ihn die wohlwollende Strenge des Lehrers gegen einen hoffnungsvollen, schon weit vorgeschrittenen Schüler heraus, der nur noch von einigen Unarten abgebracht werden musste, um den vollsten Beifall zu verdienen.
Der Schüler tat dem Lehrer allerdings nicht den Gefallen, sich an ihn zu kehren, aber es geschah, was ja wohl manchmal zu geschehen pflegt: wenn die wohlweisen Ratschläge auch in Wirklichkeit keine Frucht trugen, so konnte man sich es doch einbilden. Jedenfalls wurde Merkel— und mit ihm der„Freimütige“, als dessen Herausgeber Merkel und Kotzebue zeichneten— immer wohlwollender gegen Schiller. Mit„Maria Stuart“ scheint ihm die dritte und höchste Periode in Schillers Kunst zu beginnen; die„Jungfrau von Orléans“ ist ihm die Behandlung des Stoffes, als eigentliches Drama zwar wegen der ungeeigneten Fabel


