Aufsatz 
Schiller und das erste Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts
Entstehung
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gemeinen Interesse verhindert werden könnte, dass Meisterwerke durch solche dem guten Geschmack empfindliche und dabei leicht zu beseitigende Flecken verunziert würden?

Wo die Scylla der Oberflächlichkeit vermieden wurde, geriet man leicht in die Charybdis der gelehrten Pedanterie: das gilt besonders von derAllgemeinen Literatur-Zeitung. In ihren Kritiken ¹⁰) fehlt es nicht an richtigen Gedanken(wie etwa der Auffassung desWallenstein als einem Drama, seinem Vergleich mit Macbeth), an dem Streben, des Dichters Kunst aus seinen philosophisch-ästhetischen Anschauungen zu ver- stehen(Maria Stuart,Jungfrau von Orléans), und doch, wie weit bleibt auch so redliches Bemühen hinter dem Werke zurück! Wir wollen es dem Kritiker nicht verdenken, dass ihm das Auge verschlossen ist für die gewaltige Persönlichkeit des Schillerschen Wallenstein auch Grössere waren und blieben da mit Blindheit geschlagen aber musste der gute Montezuma aus dem Grabe beschworen werden, weil er auch seine Leute anreden wollte und kein Gehör fand? Historische Weisheit war damals noch nicht so leicht zu erwerben wie heute; darum mag man es verstehen, dass italienische und deutsche Kondottieri in Sperr- schrift dem Leser imponieren sollen, um zu zeigen, dass das Streben nach Souveränität nichts Ungewöhnliches war, aber dabei hätte nicht vergessen werden dürfen, dass die Lage Wallensteins sich von der des Mansfelders gar sehr unterschied: der brach keinem die Treue! Das sind Einzelbeiten, die hier stehen, um eine Probe dieser Art Kritik zu geben; die Pedanterie zeigt sich aber noch deutlicher im Gange der Untersuchung. Man sehe nur in der Rezension derMaria Stuart, wie zunächst unter erstens bis viertens die Schwierig- keiten aufgezählt werden, die sich dem Dichter entgegenstellten, wie dann unter denselben Ziffern die Lösung dieser Schwierigkeiten behandelt wird, wobei der vierte Punkt wieder in drei Unterparagraphen zerfällt! Dann werden noch dreiBemerkungen hinzugefügt und endlicheiniges über einzelne Schönheiten gesagt. In anderer Art, aber ebenso pedantisch, wird von derJungfrau von Orléans erst eineallgemeine Ansicht als Kunstprodukt überhaupt, dann einespeziellere alsbestimmtes Kunstprodukt gegeben, endlich dessen besondere Individualität betrachtet. Wir wissen zufällig, wie Schiller selbst solchen Rezensionen gegenüber empfand: aus sich selbst heraus und nicht aus allgemeinen und darum hohlen Formeln müsse ein Kunstwerk beurteilt werden.Ich will die ganze lesende Welt auffordern, mir zu sagen, ob die Rezension quaestionis auch nur die geringste Anschauung meines Trauerspiels enthalte, ob der Verfasser derselben auch nur in irgend einem Stücke in die innere Okonomie desselben eingegangen ist, so sehrieb er an Schütz über die Weisheit derAllgemeinen Literatur-Zeitung. ¹¹)

Wenn so weder die journalistische noch die gelehrte Kritik das Ganze eines Schillerschen Kunstwerkes auch nur in einigermassen befriedigender Weise zu würdigen ver- mochte, so muss doch betont werden, dass im allgemeinen ihre Haltung freundlich und achtungsvoll war. Es fehlt zwar nicht an gelegentlichen Ausnahmen: so löste dieJungfrau von Orléans mit ihrem angeblichen Kryptokatholizismus und ihrer Wundergläubigkeit bei manchem seiner Aufklärung frohen Manne gesinnungstüchtige Entrüstung aus. Man wollte ja nicht gerade Voltaires ausgelassene Pucelle billigen, aber Johanna eine Tragödienheldin, einedles Bild der Menschheit?Wie? eine Närrin, die sich für inspiriert hält, die