Aufsatz 
Schiller und das erste Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts
Entstehung
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Sicherheit spenden. Die Dramen dagegen imponierten von vornherein ganz anders: wie schritt gegenüber den Musenalmanachen und selbst der späteren Sammlung der Gedichte Wallenstein daher, hier sollte ein Ganzes gewürdigt werden! Nun kann niemand über den eigenen Schatten springen: die Rezensionen des Wallenstein, der nach der langen Pause seit 1787 als erstes in der Reihe der grossen Dramen der Reifezeit am meisten als etwas Neues wirkte, zeigen sicherlich das Bewusstsein, dass das deutsche Theater ein epoche- machendes Ereignis gesehen hatte; mit grossen Erwartungen traten die Kritiker auch den folgenden Dramen immer entgegen, aber alle ausdrücklich bezeugte Achtung lässt doch kaum einen vom Schulmeistern loskommen. Sie beginnen meist mit dem Preise des Schiller- schen Genius, dessen Werk sie sich bemühen wollen gerecht zu werden. Dann folgen Inhalts- angaben, die leider gewöhnlich durch Breite ersetzen, was ihnen an Tiefe fehlt; die Gesamt- würdigung tritt hinter der Kritik von Einzelheiten gäünzlich zurück. Es kann fast erheiternd wirken, sieht man, wie auch durchaus wohlwollende Rezensenten immer wieder versuchen, vom Ganzen sich ihre Stücke loszureissen, wie sie bald besonders schöne Stellen oder Sentenzen herausheben), bald umgekehrt ihren Tadel an Einzelheiten anheften. Und was wird da nicht alles bekrittelt: die Reime, durch die es einem Rezensentenbey aller an- gewandten Mühe nicht gelingen wollte, Stellen ausWallensteins Lager auchnur erträglich zu deklamieren. Ein anderer preist erst das Vorspiel, dann zeigt er, dass es im ganzen höchst überflüssig sei, und schliesst endlich mit dem köstlichen Satze:Sollte indess auch diese Bemerkung etwas Wahres enthalten, so möchten wir doch das Stück, welches immer an sich vortrefflich ist, um vieles nicht missen). Selten unterbleibt eine Aufzählung und Besprechung der Charaktere, gar zu gern vom moralischen Standpunkt und mit Seitenblicken auf das, was hätte sein sollen. Da ist ja wohl Wallenstein eine gewaltige Leistung, nur hätte der Verfasser seinen Helden nicht hier und da um die Achtung der Zuschauer bringen sollen, indem er ihn in gemeinen Aberglauben verstrickt zeigte); da wird die Einführung der Maria Stuart hohen Lobes für wert geachtet, nur sollte Hannah Kennedy nicht so gröblich den Respekt verletzen).

So liessen sich die Einzelbeispiele noch vermehren: in schönster Reinkultur zeigt sich diese Methode bei dem Berliner Aristarchen, dem Livländer Garlieb Merkel, einem Manne, der als begeisterter Vorkämpfer Herderscher Ideen, als aufrechter Patriot in schwerer Zeit seine Verdienste hat, ästhetisch aber durchaus im Bannkreise Nicolais befangen geblieben war und gerade dadurch, im besonderen durch seine giftige Polemik gegen Goethe, in Verruf gekommen ist. Er liess am Anfange des Jahrhunderts(1801 3)Briefe an ein Frauenzimmer über die wichtigsten Produkte der schönen Literatur erscheinen, und in ihnen zerpflückte er nun förmlichWallenstein,Maria Stuart,Die Jungfrau von Orléans; eine Szene wurde nach der andern vorgenommen, hier gelobt, dort getadelt, selbst Besserungen im einzelnen vorgeschlagen(so hätte nach unserm Kritiker der Dichter in Wallensteins Monolog vor dem Gespräch mit Wrangel schreiben sollenNicht ohne Schauder senk' ich meine Hand In des Geschicks geheimnisvolle Urne stattgreift des Menschen Hand.) Musste nicht aus der Lektüre solcher Kritiken jedem wohldenkenden Bürger sich der Wunsch ergeben, dass eigentlich die Dichter verpflichtet werden müssten, ihre Werke vor der Veröffentlichung einer Anzahl gewissenhafter Männer zu unterbreiten, damit im all-