Aufsatz 
Schiller und das erste Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts
Entstehung
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zeitalters, mit den eigenen Leistungen höchst zufrieden zu sein, und das bedingte ein ge- wisses Misstrauen gegen alles Neue, sofern es sich nicht in den wohlbekannten und all- gemein gebilligten Bahnen bewegte. Vomgoldenen Zeitalter der deutschen Literatur sprach man wohl ²), aber als von etwas Vergangenem; Lessing, Wieland, Klopstock, ja Gleim, Uz u. s. w. hiessen die grossen Dichter der Nation, über die hinaus eine Entwicklung kaum für möglich gehalten wurde. In den Händen dieser rationalistisch gebildeten Generation waren aber vorläufig die verbreitetsten Journale man denke nur an das grosse Gericht in den Xenien da walteten meist würdige Herren in gesetztem Alter und gefestigter Lebens- stellung ihres Amtes alsKunstrichter und massen die neue Poesie streng mit dem über- lieferten Richtmass; da galt es nicht in das Dichtwerk einzudringen, des Dichters Wegen zu folgen und anderen das Verständnis neuer Töne zu vermitteln, sondern vielmehr dem Dichter aufs Handwerk zu passen, dass er auch ja keinen Stoff behandelte, der des Interesses dieses erlauchten Zeitalters nicht würdig oder den guten Sitten gefährlich wäre; da zählte man die Versfüsse, prüfte den Strophenbau und hatte kein Ohr für die Musik einer poetischen Sprache, wie sie Deutschland noch nie gehört hatte; da schüttelte man missbilligend den Kopf über Verworrenheit der Gedankengänge und Dunkelheit des Ausdrucks und afinte nicht, dass man seiner selbst spottete.

Dieser rückständige Charakter der zeitgenössischen Kritik tritt klar zu Tage in Julius W. Brauns bekannter SammlungSchiller und Goethe im Urteile ihrer Zeitgenossen.³) Ungemein charakteristisch ist da eine Rezension) des BerlinerFreimütigen, jenes Blattes, das Goethe vom Erdboden vertilgt wissen wollte ⁵5) und das jedenfalls der rechte Spiegel der da- maligen so sehr verständigen und so sehr seichten Berliner Aufklärung war. Bei Gelegen- heit der neu erschienenen Ausgabe von Schillers Gedichten wird ein Gesamtbild des Dichters entworfen und im Jahre 1804! als die Zeit der Höhe seines Schaffens, als seine Rosenzeit, die Jahre 1786 1795 bezeichnet. Und welches sind nun die herrlichsten Produkte dieser herrlichsten Zeit? Zwei Übersetzungen(die Szenen aus den Phönizierinnen und das vierte Buch der Aneide) und drei Originale, nämlich ausser denGöttern Griechenlands und denKünstlern dieBerühmte Frau. Natürlich, diese nicht gar tiefen, aber witzig plaudernden Verse mit ihrer jedem fassbaren und sofort einleuchtenden Nutzanwendung mochten den alternden Rationalismus als Fleisch von seinem Fleisch anmuten, hätte sie doch der sächsische Horaz, der brave Rabener, nicht besser fertig bekommen! Dabei urteilte hier nicht der erste beste: hinter dem dt der Rezension steckt Johann Friedrich Reichardt. Nun mögen persönliche Verstimmungen dieses dem Bekanntenkreise der Klassiker angehörenden, im gesellschaftlichen und geistigen Leben der Zeit eine Rolle spielenden Mannes nicht ohne Einfluss auf Form und Inhalt seiner Besprechung geblieben sein, aber dass sie so überhaupt geschrieben und gedruckt werden konnte, wirft auf das Urteil des Durchschnittpublikums ein sehr bedenkliches Licht.

Zu beachten ist indessen, dass in diesen Kritiken die Gedichte Schillers viel ärger mitgenommen werden als seine Dramen: sie gaben natürlich dieser nörgelnden, silben- stechenden Beckmesserei mehr Raum, man konnte so hübsch Gedicht für Gedicht, ja Strophe für Strophe vornehmen und Lob und Tadel in homöopathischen Dosen mit selbstgewisser