Aufsatz 
Der lateinische Unterricht in der Quarta im Zusammenhang mit den Perthes'schen Reformvorschlägen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

daß der Grundsatz der Alten über das Schreiben(Cito scribendo non fit, ut bene scribatur, sed bene scribendo, ut cito, Quintil. X. 3,9) auch für das Lesen gelte. Das ganze Verfahren muß darauf hinauslaufen, den Schüler an eine richtige Präparation zu ge- wöhnen, ihn das Construieren methodisch zu lehren, indem man die Präparation so lange unter Leitung des Lehrers und mit straffer Anspannung des Schülers in der Klasse stattfinden läßt, bis dieser befähigt ist, das in der Schule beobachtete Verfahren auch auf seine häusliche Präparation zu übertragen.

Zunächst liest der Lehrer den Satz mit sinngemäßer und scharf markierter Betonung vor. Hierauf ist es die Aufgabe der Schüler, die einzelnen Haupt- und Nebensätze aufzusuchen, indem sie die verba finita und zwar bei Nebensätzen in Verbindung mit ihren Konjunktionen resp. Relativ- oder Interrogativpronomen(z. B. ut proficiscerentur, qui transierant) herausheben; sodann folgen die Partizipial- und Infinitivkoustruktionen; bei der oratio obliqua wird man naturgemäß meistens vom Accus. c. Infin. ausgehen müssen.

Ist der Satz analysiert, sind die Beziehungen der einzelnen Satzteile richtig erkannt, so lasse man jetzt erst einen oder mehrere Schüler denselben mit richtiger Betonung lesen; hierauf folgt eine wörtliche Übersetzung und endlich eine gute deutsche Übertragung mit sich anschließender kurzer Begründung der einzelnen Abweichungen dieser von der wörtlichen. Undeutsche Wendungen sind durchaus zu vermeiden; man scheue sich selbst nicht vor einer phraseologisch und stilistisch freieren Umgestaltung, wenn das deutsche Idiom eine andere Form verlangt, als das lateinische. ¹) Nur dann, wenn in allen solchen Fällen auf die Ver- schiedenheit des lateinischen und deutschen Idioms bestimmt hingewiesen wird, kann der Zweck der lateinischen Lektüre voll erreicht werden. Auch Direktor Steinmeyer, ²) welcher sich vielfach im Gegensatz zu den Perthes'schen Reformvorschlägen befindet, stellt»als das Hauptziel bei der Lektüre eine gute deutsche Übersetzung« hin:»gerade in diesem Ringen nach einer treuen Ubersetzung, in dem Gewinnen derselben« sieht er»eine der Hauptaufgaben bei der Betreibung der alten Sprachen«; das Lateinische sei vor allem das rechte Mittel,»die Schüler zu logischem Denken zu bilden und ihnen die Fähigkeit korrekten gewandten deutschen Ausdruckes zu schaffen«. Nur so kann auch allmählich eine vorbereitende Grundlegung vollzogen werden für das Verständnis einer Menge von syntaktischen und stilistischen Einzelheiten. Mögen die in dieser Hinsicht gesammelten Anschauungen und Vorstellungen auch noch so mangel- haft und ungeordnet sein, so werden sie ihren Zweck doch nicht verfehlen, sobald der gram- matische Unterricht an den betreffenden Punkt kommt.»Die grammatische Theorie, die Synthesis wird dann mindestens einen schon gelockerten Boden finden, in dem ihre Lehrsätze nun leichter und freudiger aufgenommen werden und schneller Wurzel fassen«. ³)

von der Voraussetzung aus, daß mehr als drei Stunden wöchentlich der Lektüre gewidmet werden. Nun wird aber in der erwähnten Vorrede S. 8 hervorgehoben, daßz»wenigstens im ersten halben Jahre zwei besondere Stunden in der Woche für die Repetition der Formenlehre anzusetzen seien«; hierzu kommt die Erlernung und Einübung der Casus-Lehre, welche doch in Quarta nicht fortfallen darf. Es ist mir unverständlich, wie dies alles In wöchentlich neun(resp. sieben am Realgymnasium) Stunden zu erreichen ist.

¹) Lattmann(a. a. O. Seite 11) warnt mit Recht, bei der deutschen Übersetzung nicht zu nachlässig zu sein; auch die Redensart:»Wir sagen da im Deutschen lieber« genüge nicht.

²)»Betrachtungen über unser Massisches Schulwesen«. Eine Entgegnung von Dr. Steinmeyer. Kreuz- burg 1882. S. 11 und 13 sq.

³) Vergl. Lattmann a. a. 0. S. 11.