Aufsatz 
Kritische Beiträge zur Geschichte Karls des Großen (768-771) / von G. Wolff
Entstehung
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74.

geneigt iſt, den Anſprüchen desſelben auf Herausgabe der Patrimonien vollſtändig nachzugeben, doch ſtets einen förmlichen Bruch mit dem Stuhl Petri vermeiden laſſen. Da nun aber die dem fränkiſchen Einfluſſe ungünſtige Wendung in der Politik des Stuhls Petri ihre Veranlaſſung weſentlich in der vorausgegangenen Ausſöhnung Karls mit Deſiderius hatte, ſo lag es nahe, dieſe Veranlaſſung durch den Bruch mit Deſiderius zu beſeitigen, der den Papſt zwang, auch ſeiner⸗ ſeits wieder gegen die Langobarden Partei zu ergreifen, wenn er nicht auf alle ihm aus dem fränkiſchen Bündniſſe erwachſenen Vortheile verzichten wollte. Dieſen Bruch führte er herbei, indem er ſeine Ge⸗ mahlin, die Tochter des Deſiderius, nach kaum einjähriger Ehe ver⸗ ſtieß, wobei es zweifelhaft bleibt, ob nur politiſche Gründe ihn zu dieſem Schritte bewogen, oder ob auch perſönliche Abneigung mit⸗ wirkte. ¹) 3

Iſt nun die verſchiedene Stellung der Frankenkönige zu den itali⸗ eniſchen Ereigniſſen, wie wir ſahen, aus ihrer verſchiedenartigen An⸗ ſchauungsweiſe und aus der bereits wieder eingetretenen Spannung zu erklären, ſo müſſen wir andererſeits zugeſtehen, daß dieſe Parteinahme wiederum von Einfluß auf ihre gegenſeitige Stimmung geweſen iſt. Wie wir aus dem Briefe Cathuulfs ſchließen müſſen, war es am Ende des Jahres 771 ſoweit gekommen, daß ein Krieg unvermeidlich war²), dem aber Karl jetzt, nachdem Taſſilo von ſeinen Gegnern ge⸗ trennt) und Aquitanien beruhigt war, mit mehr Ausſicht auf Erfolg als zwei Jahre vorher entgegenſehen konnte. Da ſtarb Karlmann am 24ten December 771*), und ſofort erſchien Karl in Corbonacum, einer Villa ſeines Bruders, und nahm Beſitz vom Reichstheil des letzteren, ohne ſeine unmündigen Kinder zu berückſichtigen.) Deshalb floh Karlmanns Wittwe mit dieſen zu Deſiderius, bei dem ſie wegen der wieder ausgebrochenen Feindſchaft mit Karl Schutz erwartete und fand.

¹) f. oben p. 71 n. 5. *) ſ. oben p. 55 n. 3. ³) Daß Taſſilo in den folgenden Jahren dem Untergange des Langobardenreichs

ruhig zuſah, ſpricht dafür, daß er durch Karls Zugeſtändniſſe dauernd gewonnen war..

9) ann. Lauriss mai. a. 771. SS. I, 148. ³) 1. c.