Aufsatz 
Kritische Beiträge zur Geschichte Karls des Großen (768-771) / von G. Wolff
Entstehung
Einzelbild herunterladen

69 Je gewichtigere Gründe aber nun für Jaffé's Anordnung ſprechen, um ſo mehr muß man ſich wundern, daß in neueſter Zeit Thijm, in⸗ dem er die Verſtändigung Stephans mit Deſiderius nach dem Briefe darſtellt), dieſen letzteren wieder nach Cenni citirt?), alſo ins Jahr 769 ſetzt, ohne der Unterſuchungen Abels und Jaffés, welche er doch ſonſt oft genug benutzt hat, auch nur mit einem Worte zu gedenken. Noch auffallender aber iſt, daß er die Schuld der Ereigniſſe mit un⸗ genauer Benutzung des Briefes allein auf Dodo wälzt, die ganz ab⸗ weichende Darſtellung des Papſtbuches) aber mit Stillſchweigen über⸗ geht. ⸗Gerade hier aber hätte man eine eingehende Behandlung er⸗ warten ſollen, da es galt den Papſt von dem Vorwurfe des Verraths an den Männern, denen er ſeine Wahl verdankte, zu reinigen, Thijm aber ſonſt viel unbedeutendere Vorwürfe gegen denſelben zu widerlegen, eifrig, wenn auch, wie wir ſahen, nicht beſonders glücklich bemüht iſt.*¹) Allerdings würde die Vergleichung der beiden genannten Quellen reſul⸗ tatlos bleiben für einen Hiſtoriker, der gern die unbedingte Wahr⸗ haftigkeit des Biographen und Stephans zugleich vertheidigen möchte; und doch iſt es nur durch eine Vergleichung beider möglich, ſich eine richtige Anſicht über die fraglichen Ereigniſſe zu bilden. Wir dürfen nämlich bei keinem von beiden den lauteren Sachverhalt erwarten, indem beide für den Papſt parteiiſch ſind und das Intereſſe haben, ihn von aller Schuld rein zu waſchen.) Daß ſie dies in ſo verſchie⸗ dener Weiſe thun, kommt daher, daß die vita Stefani III. zu einer Zeit verfaßt iſt, wo das freundſchaftliche Verhältnis zwiſchen Franken und Langobarden längſt wieder der bitterſten Feindſchaft Platz gemacht hatte), weshalb es nahe lag, die letzteren mit den hergebrachten

) K. d. G. p. 97.

²) I. c. n. 3.

²) Die v. Stefani III. I. c. p. 178 I C. ſagt ausdrücklich:Haec vero omnia mala per iniquas inmissiones Langobardorum Desiderii regis provene- runt. Dodo wird gar nicht erwähnt.

) ſ. oben p. 60 ff.

³) Ueber den offiziellen Charakter der Gesta pontificum Romanorum vgl. Watten⸗ bach p. 198; über die Briefe Stephans vgl. Papencordt, Geſchichte der Stadt Rom im Mittelalter, p. 95 n. 2, der zugeſteht,daß Stephan die Farben etwas ſtark auftrug und Gfrörer III b, 577; beſonders aber Hald, Donatio C. M. p. 16, 17; Abel p. 78; Gregorovius, Geſchichte der Stadt Rom im Mittelalter II, 373 n. 1. Arg einſeitig iſt Thiijms Excurs über denTon der Briefe der Päpſte, p. 335.

³⁴) Vgl. Muratori III, 180(v. Hadriani); Wattenbach p. 198.