Aufsatz 
Kritische Beiträge zur Geschichte Karls des Großen (768-771) / von G. Wolff
Entstehung
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62 ſichtlich den ſchmeichleriſchen Lobpreiſungen der Frankenkönige und ihres Volkes gegenübergeſtellt, um die Ehe als eine unſinnige aller Vernunft widerſtreitende Verunreinigung erſcheinen zu laſſen und da⸗ durch zu verhindern!). Die Art aber, wie Abel ſelbſt den Widerſpruch zwiſchen Stephans Behauptung, daß beide Brüder ſchon verheirathet ſeien, und den Angaben anderer Quellen erklärt, läßt ebenfalls weit eher Beſonnenheit und Ueberlegung als bloße hülfloſe Wuth voraus⸗ ſetzen²). 5

Es iſt ſomit am Wahrſcheinlichſten, daß der Brief nach Berthas Ankunft am langobardiſchen Hofe, die wohl gerade dem Papſte die Augen geöffnet haben mag, aber vor ihrer Rückkehr in Begleitung der Deſiderata geſchrieben iſt; denn nach dieſer aber auch erſt nach ihr mußte Stephan das Bewußtſein haben, daß ereiner unabänder⸗ lichen Thatſache gegenüberſtehe.

Nun geben aber die Einhard'ſchen Annalen als Zuſatz zu den An⸗ gaben der ann. Laur. mai. ausdrücklich an, daß Bertha auch in Rom war, um an den Stufen St. Peters zu betens), wobei aber die ganze Faſſung der Stelle, wie auch beſonders der Umſtand, daß alle anderen OQuellen nur die Reiſe zu Deſiderius angeben), unzweifelhaft laſſen, daß die letztere die Hauptſache war und, daß erſt nach Abwickelung ihres Geſchäfts in Pavia Bertha auch gelegentlich nach Rom ging*). Es liegt jedoch die Vermuthung nahe, daß Bertha nicht nur um zu beten nach Rom ging, ſo ſehr auch im Allgemeinen ein ſolcher Wunſch dem Charakter der damaligen Zeit entſpricht, ſondern daß ſie auch po⸗ litiſche Zwecke bei ihrer Reiſe verfolgte; denn bei der damaligen Lage

*) Jaffé I. c. p. 159:Nullus enim, qui mentem sanam habet, hoc suspi- cari potest, ut tales nominatissimi reges tanto detestabili atque abho- minabili contagio implicentur. Quae enim societas luci ac tenebras? aut quae pars fideli cum infidelae? oderquod vestra praeclara Fran- corum gens, quae super,omnes gentes enitet.... perfidae quod absit ac foetentissimae Langobardorum gente polluatur, quae in numero gentium nequaduam conputatur, de cuius natione et leporosorum genus oriri cer- tum est.

²) Vgl. Abel, l. c. p. 69.

¹) j. oben. p. 96 n. 1.

²) ſ. oben p. 97 n. 2.

*) Es heißt ausdrücklich:peractoque propter quod illo(in Jtaliam) profecta est negotio, adoratis etiam Romae sanctorum apostolorum liminibus ad filios in Galliam revertitur; vgl. oben p. 131, n. 1; vgl. Abel p. 70.