56 Dieſe unſere Anſicht widerſpricht keiner der Quellenangaben; ſie nöthigt uns aber auch nicht zu der Annahme, Karl, der doch von Anfang ſeiner Alleinherrſchaft an ſo unabhängig und conſequent der Verwirklichung ſeiner Ideen nachſtrebt, habe im erſten Jahre ſeiner Regierung unter dem Einfluß einer langobardiſchen Partei geſtanden¹),
Pippins²), ſei gleich nach ſeinem Tode ſo ſehr von der von ihm ver⸗ folgten Politik abgewichen, daß ſie ſich mit jener Partei verbunden hätte, um ihren Sohn in deren Intereſſe zu ziehen. Die Rolle, welche Bertha ſpielt, iſt klar: Sie ſieht das Werk ihres Gemahls und die Zukunft ihres Lieblingsſohns Karls) bedroht und iſt um ſo eher bereit, zur Beſeitigung dieſer Gefahr mitzuwirken, als ſie dadurch zugleich Gelegenheit erhält, den Frieden des Hauſes herzuſtellen. Als Frau glaubt ſie den Frieden mit den Langobarden am beſten durch ein Ehebündnis zu befeſtigen. Ihre perſönliche Mitwirkung dabei erklärt auch hinlänglich, warum ſie im folgenden Jahre, da Karl die Deſiderata wieder verſtößt, dieſem, wie es bei Einhard heißt, das
Tod wirkſam blieb. Bei Einhard v. C. M. c. 3, Jaffé I. c. p. 513 folgt un⸗ mittelbar auf die Stelle:„adeo ut quidam eos etiam bello committere sint meditati“ die Angabe, daß bei Karlmanns Tode die bei ihm in Gunſt ſtehenden Großen nach Italien flohen. Daher ſind jene Worte ebenfalls anf die letzte Zeit Karlmanns zu beziehen, wie auch ſchon Fauriel III, 503 und Gfrörer III b, 578 gethan haben. 5
*) Abel p. 54. Dagegen ſagt Waitz III, 93:„Als die Brüder ſich ausgeſöhnt hatten, ging eine Zeit lang auch Karl auf ſolche Beſtrebungen ein“, wobei nicht recht klar iſt ob er, wie wir oben annahmen, von vornherein die Abſicht hatte, nur eine Zeit lang auf jene Beſtrebungen einzugehen.
*) Oelsner, Jahrbücher, Ercurs VII p. 495 ff.
¹) Von Karls Hofe, an dem ſie auch den Winter zugebracht zu haben ſcheint, begibt ſich, wie der Zuſammenhang zeigt, Bertha nach Selz, a. Laur. mai. a. 780, SS. I, 148. Stephan III. richtet an Karl und Bertha gemeinſam mehrere Briefe, ep. cod. Car. 44 u. 46, Jaffé IV, ep. 48 u. 50, p. 164 u. 468. Beide ſorgen gemeinſam für die Rückgabe der Städte an den Papſt l. c. p. 165. Aus⸗ drücklich erwähnt das gute Verhältnis Einhard, v. C. M. c. 18, Jaffé p. 526, vgl. Hald, Donatio Caroli Magni, p. 14 n. 18. Uebertreibend ſagt Thijm, K. d. G. p. 142, Bertha habe„nur dem Ruhme Karls nachgejagt.“ Wenn Thijm außerdem I. c. n. 1 als Beleg für ſeine Behauptung, Karlmann habe ſeine Mutter von ſeinem Hofe verjagt, neben Andreas von Bergamo auch Einhard. Annal. c. 18 citirt, ſo bleibt räthſelhaft, was er damit meint, da weder in den Einhard'ſchen Annalen noch in der v. Caroli M. ſich eine Andeutung findet.


