Aufsatz 
Kritische Beiträge zur Geschichte Karls des Großen (768-771) / von G. Wolff
Entstehung
Einzelbild herunterladen

55

vorgehen würden. Dagegen paſſen die Befürchtungen Stephans ſehr wohl zu der von uns angenommenen Stellung der Brüder vor ihrer Verſöhnung: Stephan kannte die Verbindung Karlmanns mit Deſide⸗ rius und Taſſilo ſowie die Beſtrebungen der Großen an ſeinem Hofe; er zog alſo aus der Verſöhnung den Schluß, daß Karl, ſei es frei⸗ willig oder gezwungen durch die Verhältniſſe, ſich jenen Bundesgenoſſen ſeines Bruders genähert habe; ein freundſchaftliches Verhältnis des ganzen fränkiſchen Reichs zu dem der Langobarden) mußte aber Stephan nichts weniger als angenehm ſein.

unſere Anſicht iſt nun folgende: Karl, der das Reich in ſeiner Einheit zu erhalten und im Sinne ſeiner Vorfahren zu mehren ſtrebte, ſah ſich zu Anfang ſeiner Regierung einer Coalition feindlicher Mächte gegenüber, die theils mit politiſchem Bewußtſein theils aus perſön⸗ lichem Haß ſeinen Plänen entgegenarbeiteten, und gegen die nach dem aquitaniſchen Kriege, bei welchem wohl nur Karls raſches und energi⸗ ſches Handeln ihrer Einmiſchung zuvorkam, ein Kampf bevorſtand. Doch die Stärke der Feinde zwang Karl, dem Kriege auf diplomati⸗ ſchem Wege auszuweichen und die Durchführung ſeiner Abſichten auf günſtigere Zeiten zu verſchieben. Um die Coalition zu ſprengen, ge⸗ wann er zunächſt den Baiernherzog Taſſilo, indem er ihm, vielleicht gegen eine blos nominelle Anerkennung der fränkiſchen Oberherrſchaft, eine gewiſſe Selbſtändigkeit in der Regierung ſeines Landes zuer⸗ kannte.) Dafür mußte Taſſilo ſeinen Schwiegervater Deſiderius zur Verſtändigung mit Karl bewegen, während Bertha ſelbſt die für ſie als Mutter angenehme Aufgabe übernahm, den jüngeren Bruder zur Ausſöhnung mit dem älteren zu bewegen. Daß dies erſt nach der Verſtändigung mit Deſiderius und Taſſilo geſchah, legt die Vermuthung nahe, daß auf ihn durch die Entziehung ſeiner Bundesgenoſſen ein Druck ausgeübt wurde, und dem entſprechen auch die ſpäteren Exeig⸗ niſſe, die uns zeigen, daß, ſobald dieſer Druck durch den Bruch Karls mit Deſiderius aufhörte, auch Karlmann wieder in die feindſeligſte Stellung zu ſeinem Bruder trat. ³) ¹) Daß dies gerade Stephan befürchtete zeigen die Worte ep. 46, p. 158:Si quis autem vobis dixerit, quod iustitias beati Petri recepimus, vos ullo modo ei non credatis. Vgl. Abel 65 n. 2. ²) Vgl. Waitz III, 101 u. 102; Abel p. 55. ³) Die Worte der ep. Cathuulfi, Jaffé IV, 237:quod Deus transtulit illum de regno Francorum et exaltavit te super omne hoc regnum sine sanguinis effusione, zeigen daß die Verſöhnung nicht bis zu Karlmanns