Aufsatz 
Kritische Beiträge zur Geschichte Karls des Großen (768-771) / von G. Wolff
Entstehung
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hat.¹) Dieſe Urkunde, in welcher der im Rheingau begüterte Graf Cancor dem Kloſter Lorſch eine Schenkung macht, iſt datirtanno secundo regnantibus gloriosissimis regibus Carlo et Carlomanno, liefert alſo den Beweis, daß auch im ſüdlichen Auſtraſien beide Brüder als Könige anerkannt worden ſind.

Trotzdem aber erklärt ſich gerade Oelsner auf das Allerentſchie⸗ denſte gegeneine gemeinſchaftliche Regierung irgend welchen Land⸗ ſtrichs²), indem er die Bedeutung der Urkunden für unſere Frage beſtreitet. In Beziehung auf die Benutzung derſelben durch Pertz und Kröber ſagt nämlich Oelsner:Dieſe Methode jedoch beruht größten⸗ theils auf ſehr unſicheren Vorausſetzungen, wie denn ſchon Waitz an einigen Beiſpielen, ebenſo Abel und Sickel das Schlagende einer ſolchen Beweisführung beſtritten haben.³) Dieſe Behauptung aber iſt in der Allgemeinheit, wie ſie Oelsner aufſtellt, falſch, denn an den von ihm citirten Stellen) handelt es ſich nur darum, daß bei den⸗ jenigen Urkunden Karls, bei welchen nicht durch anderweitige Nach⸗ richten das Datum feſtgeſtellt werden kann, es unſicher iſt, ob man das Jahr 768 oder 771 als Epoche annehmen muß.) Die Bemer⸗ kungen haben alſo gar keinen Bezug auf die Diplome Karlmanns, welche letzteren ja für die von Oelsner aufgeſtellte Frage wichtiger als die Karls ſind. Im Gegentheil legen Abel und Sickel gerade auf die Urkunden, ſoweit ihre Echtheit ſicher ſteht, das allergrößte Gewicht, indem beide ſich ganz auf die ausſchließlich auf diplomatiſcher Grund⸗ lage ruhende Abhandlung Kröbers ſtützen, ſie nur im Einzelnen modi⸗ fiziren.) Mag man ferner Oelsner auch zugeben, daß der Ausſtel⸗ lungsort der Urkundenkein gültiger Beweis für die Herrſchaft des urkundenden Fürſten über denſelben iſt!), ſo würde es doch bei der zwiſchen den beiden Brüdern herrſchenden feindſeligen Stimmung, zu⸗ mal, wenn man mit Oelsner eine Theilung in zwei ſtreng geſonderte Hälften annimmt, ſicherlich mehr als auffallend ſein, daß Karlmann

¹) Jahrbücher p. 524 n. 3. Sie iſt übrigens ſchon bei Eckhart, Francia or. I, 610 erwähnt.

¹) In einem beſonderen Excurs, Jahrbücher, p. 523 ff.

*) 1. c. p. 523.

4) J. c. n. 2, 3, 4.

³) Dieſe Beobachtung hat übrigens vor den Genannten ſchon Wartmann, Urkunden⸗ buch der Abtei St. Gallen, Zürich 1863, Th. I p. 57, Anm. gemacht.

) Vgl. Sickel, Acta, I, 245 247; Abel, K. d G. p. 21 u. 22.

) Dagegen vgl. Sickel, I, 231 u. 234; Abel p. 21 n. 3.