Aufsatz 
Kritische Beiträge zur Geschichte Karls des Großen (768-771) / von G. Wolff
Entstehung
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2 einen Grund das Geburtsjahr des Kaiſers ſpäter anzuſetzen als es wirklich war? Die erſte Frage nun müſſen wir, wenn wir nicht geradezu ein untergeſchobenes Machwerk aus viel ſpäterer Zeit an⸗ nehmen wollen, was ſelbſt Wattenbach¹) nicht zu behaupten wagt, entſchieden bejahen; denn mochte der Mönch im Uebrigen noch ſo viele Fabeleien auftiſchen, er konnte doch ſeinen Leſern unmöglich zu⸗ muthen, die Ausſage Karls als Beſtätigung für ſeine Erzählung anzunehmen, wenn er ſie von dieſem gar nicht mehr gehört haben konnte; gerade, wenn die Schrift dazu dienen ſollte, dem Kloſter materielle Vortheile zu verſchaffen, mußte dem Verfaſſer daran gelegen ſein, wenn auch nicht Wahres, ſo doch Wahrſcheinliches, mindeſtens aber Mögliches zu berichten, ſoweit wenigſtens ſein Bericht den angedeuteten Zwecken dienen ſollten. Aehnlich verhält es ſich mit der zweiten Frage: Der Mönch hatte nicht das geringſte Intereſſe, Karl zur Zeit der Translation ein geringeres Alter zuzuſchreiben, als er nach ſeiner Ueberzeugung wirklich gehabt hatte, im Gegentheil, bei einem zwölfjährigen Knaben wäre nicht einmal die ausdrückliche Ver⸗ ſicherung über das bewundernswürdige Gedächtnis nöthig geweſen²), um die Erzählung glaubwürdig zu machen. Er mußte alſo einen anderen Grund haben, Karl zu einem ſiebenjährigen Knaben zu machen; dies konnte aber nur entweder der ſein, daß nach ihm vorliegenden älteren Aufzeichnungen oder nach der Tradition ſeiner Zeit der Kaiſer um das Jahr 747 oder 748 geboren war. Stützte er ſich aber auf aältere Aufzeichnungen, ſo konnten dies ſicherlich nicht die ann. Petavi- ani(cod. Pet.) ſein, da nach dieſen im Jahr 755, in welches die Translation zu ſetzen iſt), Karl 8 Jahre alt war; wir würden in dieſem Falle alſo Spuren eines neuen ſelbſtändigen Zeugniſſes gegen 742 als Geburtsjahr haben. Wahrſcheinlicher aber iſt, daß der Mönch ſich einfach der Meinung ſeiner Zeitgenoſſen über die Zeit ¹) p. 103 n. 2. ²) Acta SS. III, 2 p. 95 c. 3. ³) Oelsner, Ercurs X p. 503. Die Vergleichung der Zeit der Translation mit der Salbung Pippins läßt teinen Zweifel, daß die von Pagi als Aushülfsmittel benutzte Krankheit Stephans unmöglich der Grund ſeiner Nichtbetheiligung bei der Feier geweſen ſein kann. Abel(p. 15) läßt es zweifelhaft. Wenn er p. 15 ſagt, daßfür 754 die Nachricht, Karl ſei damals ein Knabe von 7 Jahren geweſen, bedeutend ins Gewicht falle, ſo iſt dies ein Zirkelſchluß, da ja erſt aus dem als feſtſtehend angenommenen Jahre 754 für die Translation das Jahr 747 für die Geburt Karl's nachgewieſen wird(p⸗ 16).