Triss. Für so viel Hunger, als ich hier gewahre, Find' ich ein einzig Tellerchen mit acht Gereimten Zeilen einen winz'gen Imbiß; Drum, scheint mir, wär's so übel nicht, ich fügte Zum Madrigal,— vielleicht auch, wenn Ihr wollt, Zum Epigramm,— ein niedliches Ragout: 'S ist ein Sonett, das die Prinzessin jüngst Leidlich gelungen fand. Ich hab' es stark Gewürzt mit att'schem Salz, und schmeichle mir Ihr werdet's schmackhaft nennen.
Arm. Ach! und wie!—
Phil.
Bel.
O les't es gleich! (die den Trissotin unterbricht, so oft er an- fangen will zu lesen).
Wir spitzen schon das Ohr, Vor Wonne klopft das Herz in meiner Brust; Gedichte nenn' ich meine Leidenschaft Und fein gewandte Verse mein Entzücken,— Phil. Wie kann er lesen, wenn Ihr immer sprecht? Triss. So... Bel. Arm.
Still doch, Nichte! Immer stört Ihr ihn!— Triss. Sonett an die Fürstin Uranie, als sie das Fieber hatte.
„Dir schlief die Vorsicht, wie mir scheint,
Als Du dem Gast Quartier gemacht
In Deiner Zimmer Fürstenpracht,
Der alle Dankbarkeit verneint.“ Bel.
Arm.
Welch schöner Anfang! Wie galant und sinnig! Phil. Im leichten Vers kommt ihm kein Andrer gleich. Arm.„Die Vorsicht schlief;“— da hört man gleich den Meister. Bel. Phil. Und mich entzückt der feine Gegensatz
„Quartier gemacht“ gefällt mir fast noch mehr.
Vom leid'gen Gast, und fürstlichen Enipfang. Bel. Triss.„Dir schlief die Vorsicht, wie mir scheint, Als Du dem Gast Quartier gemacht In Deiner Zimmer Fürstenpracht, Der alle Dankbarkeit verneint.“ Arm. Die Vorsicht schlief! Phil. Als Du Quartier gemacht— Bel. In Deiner Zimmer Fürstenpracht! Phil. Triss.„Wirf ihn hinaus, den schlimmen Feind; Was man auch sagen mag, hab' Acht! Mir ahnt, daß er mit Vorbedacht Dich oft noch anzufallen meint.“ Bel. Ostill, ich bitt' Euch! Laßt uns Athem schöpfen! Arm. Gönnt der Bewund'rung erst ein wenig Zeit!
Nun, hören wir den Rest!—
Nun weiter!
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Triss. Solch großen Appetit auf meine Lieder,
Acht Zeilen machen ihn wohl schwerlich satt. Ich schicke drum sogleich als ersten Schmaus Dem Epigramm— will sagen Madrigal— Noch ein Sonett-Ragout voraus,
Mit dem ich einer Fürstin Herz mir stahl. Viel attisch Salz hab ich darauf verwandt Und glaube fast, es wird nicht übel schmecken.
O ganz unzweifelhaft. Wir sind gespannt. (unterbricht Trissotin, so oft er zu lesen be- ginnen will). Mich überläuft schon jetzt ein süßer Schrecken. Die Poesie ist stets mein Schwarm gewesen, Besonders Verse, fein und zart gedacht.
Phil. Triss.„SOo...“ Bel.
Arm.
Solang wir sprechen, kann er doch nicht lesen.
(zu Henriette) Schweig doch, Nichte! Gebt nun endlich acht! Triss.„Sonett an die Fürstin Urania, als sie das Fieber hatte“. „Die Vorsicht schlief dir ein; Da kam in dunkler Nächtlichkeit Ganz ohne Fug und Rechtlichkeit Der böse Gast herein.“ Bel.
Arm.
Den Anfang lob' ich mir. Ich bin entzückt. Phil. Es kommt ihm keiner gleich an Formvollendung.
Arm.„Die Vorsicht schlief“— welch wunderbare Wendung! Bel.„Der böse Gast“— wie ist das ausgedrückt!
Phil. Der Reim von Nächtlichkeit und Rechtlichkeit Zeigt seines Sprachtalents Beträchtlichkeit. Bel. Triss.„Die Vorsicht schlief dir ein; Da kam in dunkler Nächtlichkeit Ganz ohne Fug und Rechtlichkeit Der böse Gast herein.“ Arm.„Die Vorsicht schlief dir ein“!
O weiter nur!
Bel.„Der böse Gast herein“! Phil.„Nächtlichkeit— Rechtlichkeit“! Triss.„Wirf ihn hinaus ganz glatt; Denn nichts kann ihn entschuldigen, Daß er, statt dir zu huldigen, Dich angegriffen hat.“ Bel.
Arm. Nur zum Bewundern gönnen Sie uns Zeit.
Halt, halt! Ich muß erst wieder zu mir kommen.


