40
Fulda ist aber nicht nur treu in der Beobachtung der Verszahl, er ist auch treu in der Wiedergabe des Inhalts. Er überträgt wörtlich mit Berücksichtigung der Verschieden- heit des Sprachgeistes, wörtlich, ohne der eigenen Sprache Gewalt anzutun, und huldigt damit eigentlich dem obersten Gesetz der Übersetzungskunst, gegen das heutzutage leider
so viel gefehlt wird.
Die nun folgende Probe aus den„gelehrten Frauen“(III, 2) wird bei einer Ver- gleichung mit der Baudissinschen UÜbersetzung die Vorzüge der Fuldaschen Ubertragung
klar erkennen lassen. Baudissin.
Henriette. Philaminte. Belise. Armande. Trissotin. l'Epine. Phil.(zu Henrietten, die weggehen will). Weshalb fliehst Du, meine Tochter?
Henr. Aus Furcht, so angenehme Unterhaltung Vielleicht zu stören.
Phil. Komm'’ und setze Dich, Und höre ja mit beiden Ohren zu, Damit Dir nichts entgehe vom Vergnügen Dem Wunderwerk zu lauschen.
Von der Schönheit Des Styls versteh' ich leider nur zu wenig,
Und Verse sind durchaus nicht meine Sache.
Henr.
Phil. Gleichviel. lch habe später ein Geheimniß Dir mitzutheilen, das Du hören mußt. Triss. Die Wissenschaft hat keinen Reiz für Euch,
Denn Euch genügen Eure eignen Reize.
Henr. Weder das Eine noch das Andre trifft; Und ich gesteh', ich habe kein Verlangen...
Bel. Nun aber,— unser neugebornes Kind? Wann zeigt Ihr's?
Phil. Schnell die Sessel! Tummle Dich... (l'Epine stolpert und fällt). Da seht den Ungeschickten!— Darf man fallen, Wenn man den Satz vom Gleichgewicht begriff?
Bel. Unwissender! Siehst Du den Grund nicht ein, Weshalb Du fielst? Vom Centrum Gravitatis Hatt’'st Du Dich allzuweit entfernt.
l' Epine. Das merkt' ich, Fräulein, als ich am Boden lag.
Phil. Der Tölpel!
Triss. Er war ja nicht von Glas; das ist sein Glück. Arm. Immer gleich witzig! Bel.
Phil. Wir harren nur auf unsern Ohrenschmaus.
Er ist unerschöpflich!
V
Fulda.
Philaminte. Armande. Belise. Trissotin. Lépine. Henriette.
Phil.(zu Henriette, die sich zurückziehen will). Nun, wohin? Komm nur herein.
Henr. Ich will das trauliche Gespräch nicht stören.
Phil. Nur näher; bleibe nur zugegen; Dir ist vergönnt, ein Wunderwerk zu hören.
Henr. Ich habe für Gedichte wenig Sinn Und kann mich nicht zu eurem Geist erheben.
Phil. Gleichviel! lch hab auch späterhin Dir etwas Wichtiges bekannt zu geben. Triss.(zu Henriette) Ist für den Reiz der Kunst Ihr Auge blind, So wissen Sie mit eignem Reiz zu prangen. Henr. Sie täuschen sich; nie hegt' ich noch Ver- langen... Bel. Nun aber zu dem neugebornen Kind! Phil.(zu Lépine). Flugs, bring' uns Stühle!— Wie das lange währt! (Lépine stolpert und fällt.) Seht doch den Tölpel an: er purzelt, Trotzdem ich ihm das Fallgesetz erklärt! Bel.(zu Lépine). Merk dir's: dein Fuß ward nur entwurzelt, Weil durchVerschiebung deinem Gleichgewichte Der Schwerpunkt nicht Genüge hat gethan. L ép. Erst als ich dalag, merkt' ich die Geschichte.
Phil.(zu dem abgehenden Lépine). Du Taps! Triss. Gut, daß er nicht aus Porzellan. Arm. Stets geistvoll! Bel. Ja, Sie sprudeln heute wieder. Phil. So finde nun die edle Mahlzeit statt!


