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von Epigrammen. Der Witz bekommt durch die Schlagkraft des Reimes etwas Elementares, ich möchte fast sagen Providentielles; der Zufall des gleichen Klingens erscheint wie von dem Sprachgeist vorausgewollt, um den Nachdruck einer gelungenen Ideenverbindung zu verstärken. Goethe wußte sehr genau, warum er seinen witzigen Teufel in Reimen sprechen ließ. Man denke sich einen Mephistopheles, der in Blankversen redet; damit ist alles gesagt.“
Fulda verfiel daher auf einen anderen Vers, der in den bisherigen Molière-Über- setzungen noch nicht zur Anwendung gekommen war, und zwar folgte er einer glück- lichen Eingebung Paul Schlenthers, der ihm im Gespräch einmal die Ansicht geäußert hatte, daß man Molière schlankweg in Knittelversen übersetzen müßte. Zwar erkannte er seinerseits, daß der eigentliche alte Knittelvers in seiner eintönigen und treuherzigen Un- beholfenheit nicht die kunstvollendete Metrik Molières ersetzen könnte, sondern daß er dazu einer„Stilisierenden Umbildung“ bedürfe. Nach einer solchen Umbildung brauchte er aber nicht erst zu suchen; sie war ihm in Goethes„Faust“ gegeben. So übersetzte er denn Molière im Versmaß des Faust, dessen fünffüßige Jamben bekanntlich mit vier- oder sechsfüßigen Jamben beliebig wechseln und durch freie, mannigfaltige Reimverschlingungen verbunden sind.
Nach all den gröberen und feineren Versuchen zweier Jahrhunderte macht die Verdeutschung Molières in dieser Form einen vorzüglichen Eindruck. Weder vom Philo- logischen noch vom sprachkünstlerischen Standpunkte dürften kaum irgend welche prinzi- pielle Einwände gegen sie zu erheben sein. Fulda verfügt über eine außerordentliche Sprach- und Formengewandtheit. Er versteht es meisterlich, den Gedankenkern aus dem Original herauszuholen und ihn in eine deutsche Form umzugießen, so daß man einen neuen Urtext vor sich zu haben meint. Selbst die Wortspiele bereiten ihm kein Hindernis, er gibt sie mit spielender Leichtigkeit wieder. Sogenannte Gallicismen, die bei den früheren Ubersetzern, selbst bei Baudissin, in Hülle und Fülle anzutreffen waren, wird man bei ihm vergeblich suchen; es gelingt ihm stets, solche der französischen Sprache eigen- tümliche Wendungen durch entsprechende deutsche zu ersetzen. So fließt bei ihm die Sprache in raschem Fluß dahin und verleiht der Übersetzung einen hohen Grad von Les- barkeit und Sprechbarkeit, die grade für die Zwecke unserer Bühne von besonderer Be- deutung sind.
Dazu kommt, daß die Fuldaschen Verse sich durch einen graziösen Bau auszeichnen und entschieden viel formvollendeter und wirkungsvoller sind als die Baudissins. Die höchst mannigfach verschlungenen Reime sind gradezu spielend bewältigt. Die Behauptung Bau- dissins, daß„bei der Fessel des Reims eine gewisse Treue fast unmöglich wird“, hat Fulda durch seine Arbeit glänzend widerlegt. Er sagt in dieser Hinsicht nicht zu viel, wenn er in dem Vorwort zu seiner Ubersetzung selbst schreibt:„Meine Übersetzung folgt dem Original so treu, ich darf wohl sagen, so wörtlich, wie es bei der Verschiedenheit des französischen und deutschen Sprachgeistes möglich ist; sie übertrifft sogar die reimlose Ubertragung Baudissins an Treue darin, daß jede einzelne Zeile einer Zeile des Urtextes entspricht, die Zahl der Verse also genau die gleiche ist. Baudissin erlaubt sich in dieser Beziehung jede Willkür; er zieht mehrere Verse in einen zusammen und verbreitert, sehr zum Nachteil der schlagkräftigen Knappheit, einen Alexandriner häufig in zwei, drei und: mehr Zeilen“.


