Aufsatz 
Die deutschen Molière-Übersetzungen. Eine bibliographisch-literarische Studie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

38

Blankvers übertragen worden. Aber weder sie noch die prosaischen UÜbersetzungen ent- sprechen den ästhetischen Anforderungen, die wir heutzutage an eine Molière-Verdeutschung zu stellen berechtigt sind.

Die sämtlichen Stücke dieser UÜbersetzung sind auch einzeln erschienen.

11. Die Übersetzung von Ludwig Fulda.

Gegen alle Molière-bersetzungen, die wir bisher kennen gelernt haben, mußten Einwände verschiedenartigster Natur erhoben werden. Einige ließen vom sachlichen und sprachlichen Standpunkte aus vielerlei zu wünschen übrig; andere glaubten, die Vers- dramen durch einfache Prosa wiedergeben zu können, und noch andere, die zwar dasselbe oder ein ähnliches Versmaß des Originals beibehielten, meinten, auf den Reim verzichten zu dürfen. Eine wirklich gute Molière-Cibersetzung, die allen Anforderungen genügte, konnte daher erst dann zu stande kommen, wenn es dem Übersetzer gelang, die wichtigen Fragen betreffs des Versmaßes und des Reimes glücklich zu lösen. Das vorige Jahr- hundert sollte nicht zu Ende gehen, ohne uns diesen ersten deutschen Molière zu bescheren.

Bisher hatten sich nur Gelehrte, Schauspieler und Berufsübersetzer in den Dienst Molières gestellt. Endlich kam ein Schriftsteller von Ruf, ein Dichter, der sich seiner annahm: Ludwig Fulda. Seine UÜbersetzung, die unter dem Titel:Molières Meisterwerke. In deutscher Ubertragung. Stuttgart und Berlin 1892% zuerst erschien, enthielt nur vier Stücke, nämlich den Tartüff, den Misanthrop, die gelehrten Frauen und den Geizigen. Der zweiten Auflage, die schon 1896 erscheinen konnte, hatte er dieSchule der Frauen hinzugefügt; und die dritte Auflage, die im Jahre 1901 herauskam, brachte außer den genannten Stücken noch: Die Schule der Ehemänner, Amphitryon und den eingebildeten Kranken.

Fuldas Molière-Ubersetzung ist unbestritten die beste, die wir haben; sie gehört überhaupt zu den wertvollsten Erscheinungen, die die moderne Ubersetzungsliteratur auf- zuweisen hat. Durch sie hat sich Fulda seit dem Tode Otto Gildemeisters den ersten Platz unter den deutschen Dolmetschen gesichert. Er ist nicht als handwerksmäßiger Ubersetzer an seine Aufgabe herangetreten, sondern als Künstler, und verlangt deshalb mit vollem Recht, daß sie als sprachliches Kunstwerk beurteilt werde.

Bei der Ubertragung der Versdramen kam es vor allem auf die Frage an, welches Versmaß dafür zu wählen sei. Der deutsche Alexandriner mit seinem eintönigen Gehack und Gestampf konnte nach Fuldas Meinung nicht in Betracht kommen, denn er ist nun und nimmer im stande, den französischen Alexandriner mit seinen lebendigen und ab- wechslungsreichen Formen zu ersetzen. Ebenso wenig schien ihm der von Baudissin an- gewandte reimlose fünffüßige Jambus geeignet, weil er mit Recht den Reim für einen unentbehrlichen Bestandteil der Molièreschen Salonkomödien hält:Der Reim, sagt er, ist bei Molière keineswegs nur akustischer Zierat; er ist der Träger des Witzes, der unter- strichene Abschluß der Pointe, die Fermate des epigrammatisch zugeschliffenen Gedankens. Sollte der Reim vollständig aus der Poesie verbannt werden und in Vergessenheit geraten, man müßte ihn für das Epigramm von neuem erfinden. Und Molières Dialog wimmelt